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Am Anfang steht immer ein schönes Instrument, auch wenn sich Musik inzwischen ohne Musiker herstellen lässt.

Musikmesse

Maschine und Mensch

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Über der internationalen Musikmesse in Frankfurt kreist, wie über dem Land, die Digitalisierung.

Zwei Fragen strukturieren die internationale Musikmesse in Frankfurt und ihre Partnermesse, die Prolight+Sound. Erstens: Warum? Zweitens: Wie halten Sie das eigentlich aus? Es geht dort also zu wie im richtigen Leben, nur lauter.

Die Firma Metal Drum Power präsentiert in Halle 9.0 das allererste Schlagzeug ganz aus Edelstahl. Warum? „Weil wir’s können“, posaunt die prächtig gelaunte Truppe aus dem Sauerland. Warum können sie’s? Eigentlich produziere sein Unternehmen Dichtungsringe, sagt Geschäftsführer Martin Piroth, sehr große Dichtungsringe mitunter, und er selbst sei Hobbymusiker. Den Rest kann man sich zusammenreimen. Ein Kessel aus sechs Millimeter dickem Stahl bewirke, „dass es richtig knallt“, er verlängere obendrein die Lebensdauer einer Trommel um das Achtzigfache. Offenbar auch die Lebensdauer des Trommlers. Woher wüsste er das sonst? 

Schlagzeug-Trommelfelle sind aber nach wie vor aus Kunststoff, daran werde sich so schnell nichts ändern, sagen die Metallmänner. Um die Tradition wird hart gerungen auf der Musikmesse, und das tut auch not. Überall drängelt sich das Digitale vor – ach was, es rempelt alles aus dem Weg. „Die klassischen Methoden, Musik zu machen, werden wir immer pflegen“, verspricht Messechef Detlef Braun. Aber die Tonbandkassette, sogar die CD: Nostalgie. „Die Art, wie wir Musik hören, hat sich radikal verändert“, sagt Braun. Früher tourten Bands, um ihre neuen Alben zu promoten. Heute nehmen sie Alben auf, um die Konzerte zu bewerben, von denen sie leben. Die Debatte sei überall im Gang: Mensch oder Maschine? Dabei gebe es nur eine Lösung: Mensch und Maschine. 

Draußen auf der Agora, dem Platz zwischen den Hallen 3, 4, 5 und Fest-, stehen den lieben langen Tag die Leute und lauschen Soundbeispielen aus gigantischen Lautsprecheranlagen für Großveranstaltungen. Zu Hunderten stehen sie da, wenn es nicht gerade platzregnet wie am Freitag. Warum? Wahrscheinlich lauter Besitzer von Hallen für Großveranstaltungen. Ebenfalls auf der Agora hat die Maschine den Wettbewerb gegen die Sonne gewonnen. Dort thront der größte LED-Bildschirm der Welt, 144 Quadratmeter, fast ein Volleyballspielfeld, und überstrahlt den hellen Tag. Wofür braucht er das, der Mensch? Für große Musik- und Sportveranstaltungen. Man kennt ihn ja, wie er mit dem Rücken zur Tour de France auf einem Campingstuhl sitzt und das Rennen im Fernsehen verfolgt. Wie er sich im Fußballstadion auf dem Videowürfel entdeckt, der Mensch, und jubiliert, selbst wenn seine Mannschaft gerade das Spiel vergeigt. 

Ein Tollhaus dagegen die Halle 8.0

Drinnen in Halle 5.0 schwirren jeweils zur halben Stunde 29 beleuchtete Mikro-Showdrohnen über eine Bühne, begleitet vom Beatles-Intro zu „Lucy In The Sky With Diamonds“. Das sieht zauberhaft aus, auch wenn es für Rockmusiker natürlich in die Kategorie „stufenlos verstellbarer Schnickschnack“ gehört. Ebenso der Spezialtüll für Hologramm-Projektionen – ein Stoff, der immerhin Beyoncé und Lady Gaga schon sehr nahekam – in Halle 3.0. Dort kriegt man auch bunte Klebezettelblocks in die Hand gedrückt. Warum? „Kann man immer gebrauchen.“ An der Hallentür fleht förmlich ein Schild: „Max. 70 dB, please“. 

Ein Tollhaus ist dagegen die Halle 8.0 (Blasinstrumente/Perkussion). Jeder einzelne Flöten-, Klarinetten-, Trompetentester ein Genie, alles zusammen ein Wahnsinn furioso. Mittendrin steht Monika Leistner am Messestand der Leistner Werkzeuge GmbH aus Stützengrün (Sachsen) und hält das aus. „Was soll man machen?“, sagt sie. Es ist ja auch ein Erlebnis, ein Klangspektakel, wie man es nicht alle Tage geboten bekommt. Weiter hinten, an dem enormen Vorhang entlang, der Bläser von Trommlern akustisch wirkungsvoll trennt, steht das größte spielbare Saxophon der Welt (2,70 Meter). Es hat Klappen wie Ofenrohre und arbeitet im Frequenzspektrum Subkontrabass, also bis hinab auf 20 Hertz. Darunter endet das Hören, und das Fühlen übernimmt. „Wir zeigen das hier als Kuriosität“, schreit Tom Tulen von der niederländischen Firma Lefreque, Produzent von Klangbrücken: kleine Metallteile, die Tonvibrationen über die Stellen weiterleiten, an denen das Saxophon zusammengeschraubt ist. Das ist nicht digital, nur verblüffend. Und sonst, wie hält er’s aus? „Man weiß ja, es sind vier Tage Lärm“, brüllt Tulen. 

Apropos irr: „Discover Music“ heißt, weil alles englisch sein muss, die Halle 10.1 für die Kleinsten. Sie ist mit Vorhängen in Parzellen unterteilt. „Wir jagen 4000 Kinder durch dieses Areal“, sagt Michael Biwer, der Group Show Director „Entertainment, Media & Creative Industries“ (deutsch etwa: Musikmessedirektor). Wer an den Parzellen langsam vorbeispaziert, fühlt sich bald an eine Anstalt erinnert und hört Stimmen: „Hier sind die jungen Leute, die sich für Leonard Bernstein halten. In diesem Zimmer proben die kleinen Jimi Hendrix’. Und hier kommen wir zur Abteilung derer, die glauben, sie seien Louis Armstrong.“ Was sagt die Messehostess im Auge des Orkans? „Süß.“ Über der Kakophonie schwebt ein Mantra der Hoffnung: Diese Kinder finden womöglich Spaß daran, ein Instrument zu lernen. Musikmachen macht schlauer, wie die Uni Erlangen-Nürnberg erforscht hat. Man gewinnt sprachliches Verständnis hinzu und entwickelt eher ein Selbstkonzept. Vielleicht rettet Musikmachen also die Welt. 

Die beste Zeit für einen Musikmessebesuch ist traditionell morgens zwischen 5 und 7 Uhr. Man bräuchte dann halt den Generalschlüssel, aber es wäre auf jeden Fall schön ruhig. Die schlechteste Messerindswurst seit Jahren gibt es am Ausgang Festhalle (3,50 Euro). 

Eine Erweiterung der Frage nach dem Warum: Worum geht’s eigentlich? „Es geht um 3D-Audio“, sagt Michael Biwer. „Es regnet, und man hat das Gefühl, der Tropfen fällt mir auf die Schulter – das ist immersive Technologie.“ (Duden: Immersion: Eintauchen in eine virtuelle Umgebung.) Das Interesse des Publikums ist riesig, wie an allem, was digital ist auf dieser Messe. Ein junger Mann erklärt, wie man auf einer Computeroberfläche die Beleuchtung für ein Mega-Event mixt. „Dann drücke ich hier, dann mische ich da, hier müssen die Werte übereinstimmen.“ 300 Zuschauer drängen sich auf einer eigens errichteten Tribüne und drumherum. Lauter Leute wohl, die beruflich Mega-Events beleuchten. 

Als Anker der puren Musik bleibt die Gitarre. Ein wahrer Altar zieht die Fans in die Galleria auf dem Messegelände, da stehen Fenders Legenden von 1950 bis 1965, da sind Spezialitäten von Gretsch und Gibson zu sehen, die Stars gehörten. Und da kann der Besucher seine eigene Gitarre von Fachleuten bewerten lassen. Eine ganze Menge Leute seien schon dagewesen, sagen die Männer vom Hamburger Gitarrenladen No.1, diverse Schätzchen seien dabei. Und was leider in letzter Zeit häufig vorkomme: Sammlungsauflösungen. „Fast jeden Monat steht eine Witwe im Laden.“ Die elektrische Gitarre ist in die Jahre gekommen, dafür gewinnt die sogenannte akustische Gitarre wieder an Stellenwert, wie man hört, nicht zuletzt dank Sänger Ed Sheeran. 

An zentralen Plätzen der Stadt verlocken fünf Klaviere der Aktion „Street Tunes“ zu spontanen Konzerten von Passanten. Vor der Paulskirche spielt ein alter Herr erst Sinfonien, dann, verschmitzt, „Hänschen klein“, das in „Stille Nacht“ übergeht. Großer Applaus, große Rührung. Aus der S-Bahn zur Messe heraus staunen ausländisch sprechende junge Leute auf die vielen großen Graffiti entlang der rauen Strecke aus dem Gallus. Voller Hochachtung. Der ganze Waggon staunt mit. Eine Messe führt auch vor Augen, wie sehr Internationalität eine Stadt bereichert. Sie erinnert die Einheimischen daran, was sie haben.

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