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Die US-amerikanische Country- und Folkmusik-Singer-Songwriterin Mary Chapin Carpenter.

Country

Wo die Schönheit ist

  • Olaf Velte
    vonOlaf Velte
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„The Dirt and the Stars“ ist Mary Chapin Carpenters erstes Album nach vier Jahren und eine Offenbarung.

Ist es ein Makel, nachts durch die Gegend zu gondeln, sich billiges Dosenbier einzuverleiben und „Wild Horses“ – diese 71er Unvergesslichkeit der Rolling Stones – zu hören? Jung und naiv und berauscht zu sein? Was dabei herauskommt, einen solchen Lebensmoment erinnerungsträchtig implodieren zu lassen, grundiert ein Album, das bleiben wird. – Hier also ist „The Dirt and the Stars“, die erste Studio-Veröffentlichung von Mary Chapin Carpenter seit 2016.

Nein, die Erfolgsgeschichte der hochdekorierten und vom Country-Business gehätschelten US-Sängerin findet keine Fortsetzung im erwartbaren Rahmen. Wiederauferstanden ist stattdessen eine mit grandioser Altstimme und beeindruckender kompositorischer Fähigkeit ausgestattete Künstlerin. Nix Redneck, nix Nashville. Elf Songs, die trotz aller fragilen Zurückgenommenheit weit entfernt sind von rührseliger Melodie-Beschwipstheit, sich fest in den Erdboden krallen, zart und zäh zugleich.

Von akustischer Gitarre und Piano-Figuren geleitet, arbeitet die auf den Punkt musizierende Begleitmannschaft einer Stimme zu, deren ungeheure Intensität jede textliche Nuance beglaubigt. Weit wie die Einsamkeit ihrer Farmhaus-Isolation im ländlichen Virginia ist das dargebotene Themenfeld, sich dehnend von „Secret Keepers“ bis zu „American Stooge“. Lieder, persönlich und politisch, meditativ und munter.

Die 62-Jährige hebt saitenstreichend mit „Farther Along and Further In“ an, um ihrem Gitarristen Duke Levine im abschließenden Titelstück den freien Southern-Lauf zu gewähren. Weitere Solopartien sind während der einstündigen Darbietung jedenfalls nicht vonnöten. Zwei Mal wird das Tempo verschärft, schwappen Grooves über den Kelch – und es ist gut.

Dass Mary Chapin Carpenter sich einst auf Patti Smith berufen hat, ist kein Zufall. Heute übergibt sie das Zauberwort der US-Autorin Margaret Renkl: „We are all in the process of becoming.“ Und ergänzt – nach all diesen wunderbaren Trauerliedern vom Schlage „All Broken Hearts Break Differently“ oder „Asking For a Friend“ – mit einem unerschrockenen „Bang the Drum and Keep the Faith“. Selten haben waidwunde Weisen hoffnungsvoller geklungen.

Vollendet in Dämmerungen

Bevor zum wiederholten Male die südenglischen Real World Studios mitsamt dem „Wood Room“ aufgesucht und in Live-Atmosphäre genutzt werden, darf der Carpenter’sche Küchentisch die Brutstätte von „The Dirt and the Stars“ sein. Kreativität, erwandert in menschenleeren Landschaften, vollendet in blauen Dämmerungen, vor bekritzelten Notizblättern. Wo Erinnerungen sich mischen mit „some kind of spirit“, sich Schönheit hinter dem Schmerz zeigt: „In brokenness we are whole / that’s where the beauty is.“

Längst ist die begnadete Erzählerin kleiner und großer Alltäglichkeiten in die Sphäre der Offenbarungen eingetreten. Dort, wo zwischen Straßenkot und Sternenglanz das Rettende wächst. Sieben Minuten und 42 Sekunden sind uns gegeben: „Turn on the radio / wild wild horses / everywhere we’d ever go / is in the choruses.“ – Vergleichbares ist derzeit nicht zu haben. Und tatsächlich: auch Musik zum Drogen nehmen und rumfahren.

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