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Marla Glen, unerwartet und ungewöhnlich.

Neues Album

Marla Glen: „Unexpected“ – Songs, die fest zupacken

Marla Glen meldet sich nach langer Pause mit „Unexpected“ zurück.

Eine Fahrradklingel schrillt, und Marla Glen lacht grell: „Ha-ha! Wenn ich eine gewöhnliche Person wäre, würde ich mit dir ins Kino gehen. Wenn ich es denn wäre.“ Die da spricht, war nie „gewöhnlich“. Der Song heißt „Ordinary“ und zählt zu den vielen Uptempo-Nummern auf „Unexpected“.

Es ist Marla Glens erste Platte seit Frühjahr 2011 und das fünfte offizielle Solo-Album. Gleichwohl wurde der einstige Blues- und Soul-Star der 90er Jahre gerade 60. Ihre Rückkehr, nachdem sie von Mitmusikern enttäuscht wurde, nach Rechtsstreitigkeiten mit Labels, Scheidung und Privatinsolvenz kommt jetzt unerwartet. Heute nennt sich die (lesbische) Glen „er“, also: der Marla.

Das Album

Marla Glen: Unexpected.
Mohr Publishing Ltd./ Soulfood.

Der Sänger hat immer noch Twang in der Stimme. Rauchig, rau, maskulin, hart im Sound bisweilen, deftig in der Intonation. Die hierfür geeigneten Songs verzweigen sich in den Traditionen der Windy City am Michigan-See, Chicago. Von dort aus wanderte Glen einst aus und ließ sich in Deutschland nieder. „I took a trip over to Chicago“, erzählt Marla im Song „Hoarderers“: Die Posaune röchelt und mischt sich mit Marla Glens Mundharmonika, Spoken Word eröffnet das Setting, und eine lässige Stehblues-Stimmung macht sich breit. Der Chicago-Reisende möchte Freundinnen besuchen, B. B. King-Platten auflegen und dazu weitere Gäste für einen gemütlichen Abend einladen und zuvor das Haus putzen. B. B. King war stets Glens großes Vorbild, „B. B. Kill?“, staunen die Background-Ladies, und so entspinnt sich ein Dialog in der klassischen afroamerikanischen Call-and-Response-Technik. „Our house is clean“, schmettern zwei der famosen Background-Sängerinnen zurück – vier gibt es auf dem Album.

Marla Glen: Unexpected.

Es ist üppig produziert, 22 Leute beteiligten sich, großartige Musizierende. Glen trommelte ihre Mitstreiter in NRW und Hamburg zusammen. Das Große-Seen-Gebiet der USA steht ihnen fern, doch Marla schwört alle auf den anachronistischen Sound von dort ein. Er folgt der Klangfarbe von Lou Rawls, Luther Allison & Co., der zweiten Generation des Chicago Blues. Spätere Akteure, Earth, Wind & Fire und Rufus & Chaka Khan, drängten diese Musik in den Disco-Sound hinein. Im Disco-Segment erlebt Glen nun seine Premiere, mit „Prove All Your Lovin’“, inklusive Wah-Wah-Gitarren-Gniedeln, und one-on-one. Zeitgemäßer wird es nicht. Aber diese Pflege guter, alter Musik punktet.

Zu „Who’s The Blame“ findet sich in Marlas Diskographie ein Song von 2006, „Who’s To Blame“ betitelt. Marla brandmarkte jenen Release damals als „nicht autorisiert“, kämpfte dagegen an. Der „neue“ Song beeindruckt als ausgeklügeltes Mini-Drama. Cajun-Musik aus den Sümpfen des Mississippi scheint hier ebenso Pate zu stehen wie perkussive Voodoo-Trance aus dem Benin. Gesänge in der äthiopischen Sprache Amharisch und Wortfetzen in Pidgin English, Akkordeon und Irish Flute reichern das Geschehen an. Ein Fetzen aus dem Gospel „Go Down Moses“ vollendet das heterogene Lied.

Glen spielt mit Erwartungen und frappiert, tränkt die aktuelle Single „Steppin’ Up“ und das rustikale „Smoking Joking Laughing“ tief in Blues, zitiert derweil aber in „I Don’t Care“ eine Michael-Jackson-Akkordfolge und Songzeile von „Billie Jean“. Richtig zur Sache geht es auf „What Time Is It Till Love“, wenn E-Gitarren und Schlagzeug zu dröhnendem Metal auflaufen und Glen mehr schreit, keucht, krächzt, keift und fast platzt als nur zu singen. Auch live kann man sich das gut vorstellen, denn Marla verwandelte ihre Auftritte stets in eine Kette ekstatischer Momente. Glen-Songs packen mit fester Kralle zu, textlich wie musikalisch.

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