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Markus und Micha Acher: Münchner Freiheiten

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Markus Acher.
Markus Acher. © Votos-Roland Owsnit/Imago

Die Vielseitigkeitskünstler Markus und Micha Acher und ihre kooperativ-freundschaftlichen Projekte. Von Klaus Walter

Arroganz. Eitelkeit. Sarkasmus. Schlecht beleumundete Eigenschaften, ja, aber wichtige Voraussetzungen für guten Pop. Arroganz? Eitelkeit? Sarkasmus? Keine Spur davon bei den Acher-Brüdern, trotzdem machen sie guten Pop, stets bedroht von Indiespießertum. Als Vielseitigkeitskünstler par excellence stehen Markus, 55, und Micha Acher, 51, seit drei Jahrzehnten im Zentrum einer permanent rotierenden musikalischen Szene rund um die bayrische Hauptstadt, nennen wir sie provisorisch: Münchner Freiheiten.

Das auch weltweit berühmteste der vielen Acherprojekte ist The Notwist, eine dieser Bands, die es schon immer gegeben hat und gegen die niemand groß was hat. Genau, die immer etwas untertourig, aggressionsgebremst und bescheiden daherkommende Gruppe mit Markus Achers antivirilem Näselsingsang als Soundsignatur. Dass man The Notwist wegen genau dieser Attribute – Langlebigkeit, Zuverlässigkeit, Konsenstauglichkeit, Bescheidenheit – immer auch ein bisschen langweilig finden konnte – geschenkt!

Interessant wird es in den letzten zwei, drei Jahren im Kosmos der Münchner Freiheiten. Da kumuliert die gediegene Notwist-Unscheinbarkeit und verkettet, vernetzt, verschwistert, verschwingt und vermixt sich mit allen möglichen und unmöglichen Spirits & Artists – und zwar weniger beliebig als das hier klingen mag –, bis das Ganze kippt zu etwas Größerem: Münchner Freiheiten goes Bajuwarisch-Japanische Freundschaft goes Spoken Word Poetry Jazz in Dub. Und plötzlich steht das N-Wort als Chiffre für eine in ever changing Konstellationen und Kooperationen denkende künstlerische Praxis, einen Aggregatszustand, mit dem unserer rasenden Gegenwart besser beizukommen ist, als mit den statischen Modellen Band oder Solist/Solistin. Exemplarisch hat das Schorsch Kamerun dieser Tage im Bayrischen Rundfunk formuliert: „Ein kleines bisschen hatte ich Lust, mal so wie Notwist zu sein.“ Aus dieser Lust des Goldenen-Zitronen-Sängers resultierte ein neues Musik-Projekt: Raison, dazu später mehr.

Im Grunde haben die Achers immer nur weitergeachert. Vom ersten Tag an haben sie ihre Musik kooperativ-freundschaftlich nach allen Seiten mäandern lassen und dabei nach und nach ihren Aktionsradius erweitert. Angefangen hatte es in den 90ern in der bayrischen Provinz rund um das Label Hausmusik (sic!). Ein gutes Dutzend Leute hält ein gutes Dutzend Acts am Laufen: Tied & Tickled Trio, Village of Savoonga, Ms John Soda, 3 Shades of Blues, Ogonjok usw ... und Lali Puna, die Gruppe von Valerie Trebeljahr und ihrem Gatten Markus Acher. Apropos Familie: Bevor Langeweile aufkommt, spielen die Brüder auch mal in der Jazzband ihres Vaters Julius, den New Orleans Dixie Stompers.

Von der Weilheimer Schule ist damals bald die Rede, heute erstreckt sich der Wirkungskreis bis Tokio und Los Angeles, der Name der Acherschen Plattenfirma ist Programm: Alien Transistor. Dass die im Zuge der Pandemie verstetigten Möglichkeiten digitaler Kommunikation und Produktion geholfen haben, die Distanzen des Alien zu überbrücken, ist ein kleines Glück im großen Unglück gecancelter Touren, gekappter Verbindungen, gescheiterter Projekte.

Micha Acher.
Micha Acher. © Votos-Roland Owsnit/Imago

Umso erstaunlicher, was dann doch geklappt hat. Ein spektakuläres Allstar-Album mit dem schönen Titel „All Those Streets I Must Find Cities For“ zum Beispiel. Dafür musste ein neuer Name her, also verwandeln sich die Acher-Brüder in The Plastik Beatniks und produzieren mit prominenten Gaststimmen ein Album mit Texten des karibisch-deutschen Beat-Poeten Bob Kaufman. Heute vergessen, hatte Kaufman in San Francisco die Beat-Bewegung mitgeprägt.

Die Entstehung und Entwicklung dieses Projekts ist symptomatisch für die Arbeits- und Weltaneignungsweise namens Weiterachern: „Als wir vor vielen Jahren mit Notwist auf Tour waren in den USA, da haben wir in Portland zusammengespielt mit der Band Themselves, ein Trio mit dem Rapper Doseone. Wir gingen in einen riesigen Second-Hand-Buchladen, da hat Doseone mir drei Büchlein in die Hand gedrückt von einen Beatnik-Dichter, den ich gar nicht kannte, Bob Kaufmann. Das sei sein absoluter Held, extrem wichtig und ein großes Vorbild für die Hip-Hop-Szene.“ Erzählt Markus Acher. Jahre später hat Doseone einen Gastauftritt auf „All Those Streets I Must Find Cities For“.

Der US-Rapper ist nicht der größte Name auf dem Album: „An unsere musikalischen Gästinnen und Gäste sind wir einfach per Mail herangetreten. Ich hatte gelesen, dass Bob Kaufman für Moor Mother der tollste Dichter überhaupt ist. Da dachte ich mir, die kann man einfach mal fragen, und das hat dann auch geklappt. Sie hat sofort geantwortet und dieses Gedicht aufgenommen.“ Das Leben kann so einfach sein und schon hast du die größte Frei-Rap-Künstlerin der Stunde auf deinem Album, Moor Mother!

Die Alben:

Diverse: All Those Streets I Must Find Cities For. Alien Transistor.

Diverse: Alien Parade Japan. Alien Transistor.

Fehler Kuti: Professional People. Alien Transistor.

Raison: So viele Leute wie möglich. Buback.

Etwas anders lief es mit der afroamerikanischen Frei-Jazz-Künstlerin Angel Bat Dawid, frei im Sinne von Freigeist, nicht im Sinne von Free Jazz als Genre. Praktischerweise hat das Acher-Label Alien Transistor auch eine Cousine, ein Festival: „Angel Bat Dawid wollten wir immer zum Alien Disco Festival einladen, was aber nie geklappt hat. Dann haben wir sie gefragt, ob sie Lust hätte, musikalisch was aufzunehmen, aber auch Gedichte von Bob Kaufman zu sprechen und zu singen. Genau das hat sie dann getan.“

Weniger prominent besetzt, weniger hochkulturanschlussfähig, aber deutlich mehr Fun – ja, doch! – das verspricht und hält „Alien Parade Japan“, das jüngste Dokument der bajuwarisch-japanischen Freundschaft. Markus Acher: „Die Münchner und die japanische Szene verbindet eine ähnliche Herangehensweise. Das Eklektische, dass man sich aus allen Genres bedient und keine Berührungsängste hat.“ Keine Berührungsängste haben die Japaner:innen vor Blasmusik. Als hätten die achernden Kompilatoren eine einschlägige Versuchsanordnung vorgegeben, arbeiten sich Acts mit vokalstarken Namen wie Biobiopatata, Mitamurakandadan oder Popo an dem ab, was sie – aus welchen Quellen auch immer, wie spekulativ auch immer – für Blasmusik bayrischer Prägung zu halten scheinen. Darauf weist zumindest „Bayern“ hin, so der Titel eines funky Brass Stompers von Mitamurakandadan.

Nach und nach verschleift sich das Bajuwarische und die Bläserei biegt ab gen New Orleans, ein paar Synkopen kommen von Kingston rübergeweht, wie sich überhaupt ein jamaikanischer Substrom durch diese mitunter incredibly strange japanese music zieht. Trompeten, Orgeln, mal eine Melodica, Posaunen, Bass – diese Instrumente tragen die besten Nummern auf „Alien Parade Japan“ und das waren auch die tragenden Instrumente vieler Hits in der goldenen Ära von Ska und frühem Reggae.

Womit wir die nächste Brücke schlagen: von Japan zur Hochzeitskapelle, die mit ähnlichen Mitteln arbeitet. Markus Acher: „Die Hochzeitskapelle ist tatsächlich zu meiner Hochzeit entstanden. Wir wollten eine akustische Band, die so nachmittags spielen kann, aber nicht die typischen Jazz Standards oder eine Dixieland Band, die so nebenbei dudelt, sondern etwas Besonderes, Schönes. Da hat mein Bruder diese besondere Instrumentierung zusammengestellt, nämlich Tuba, Posaune, Bratsche, Banjo und ein ganz kleines Schlagzeug. Das war so toll vom Klang, dass wir beschlossen haben, das weiterzumachen. Da spielen wir größtenteils Coverversionen.“ So stehen Evergreens wie „Windmills Of Your Mind“ neben einem Hit von Françoise Hardy und Reggae-Klassik.

Seltsame Mischungen, daran arbeiten Markus und Micha Acher weiter und weiter. Aus unwahrscheinlichen Kreuzungen – gerne gegen die Gebrauchsanweisung – entstehen schillernde Bastarde. Neuerdings dank Elijah Minnelli, der Notwist-Tracks durch die Remix-Maschine jagt und so karibisiert. Oder Fehler Kuti, die Anti-Ra-Agitprop-Big Band um den smarten Verführer Julian Warner, die klingt wie nix auf der Welt und von der hier mangels Platz nur ein paar groovy Songtitel gedroppt seien: „In Every City, in Every Aldi the Blood of My Brothers and Sisters Taints Your Spargel“, „All Ausländer Go To Heaven“, nicht zu vergessen: „Bürogebäude in und um Frankfurt“.

Steile These zum Schluss: Fehler Kuti machen die Sorte politische Musik zur Zeit, an die Schorsch Kamerun gedacht haben mag: „Ein kleines bisschen hatte ich Lust, mal so wie Notwist zu sein.“ So entstand das Projekt Raison: Mense Reents und Kamerun, beide bei den Goldenen Zitronen, dazu PC Nackt, von Beruf Postgenre-Komponist. Und eine Handvoll assoziierte Folks, darunter die tolle Sophia American in Hamburg Kennedy. Die Vernotwistung oder Ambientification (auch Eno stand auf der Einflussliste) von Kamerun & Co stolpert dann hin und wieder über too much Kamerun. Der, Besitzer einer erratischen Stimme, textet und sprechsingt sich dann – auf deutsch – doch immer wieder in den Vordergrund, ragt heraus, bindet Aufmerksamkeit, wo Julian Warner im Fehler-Kuti-Fluss bleibt. Und Markus Acher auf mutmaßlich Englisch irgendwas dahinnäselt, von dem egal ist, was es bedeutet, könnte auch Japanisch sein, Hauptsache: Weiterachern im Flow.(Von Klaus Walter)

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