Nichts klingt bei Markus Stockhausen nur ungefähr. Nikolas Müller
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Nichts klingt bei Markus Stockhausen nur ungefähr.

Jazz

Markus Stockhausen „Wild Life“: Verzweigte Hörkultur

  • vonHans-Jürgen Linke
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Markus Stockhausens intuitive Septett-Musik auf „Wild Life“.

Wild? Auf den ersten Blick eher nicht. Die Musik ist komplex und oft überraschend in ihrer Klanglichkeit und ihren Verläufen, aber sie türmt sich nicht hoch in addierten Klangschichten, sie verzichtet auf dominante, treibende Rhythmik und lässt die immerhin zwei Schlagwerker eher als Sound-Schöpfer wirken, und sie geht bei all dem dynamisch maßvoll vor. Einige Stücke – etwa die „Walpurgisnacht (Fast Lane)“ – drehen ein wenig stärker auf, Schlagzeuger Christian Thomé drischt ein wenig härter, aber dann wird es wieder feinsinnig und filigran mit Tabla (Bodek Janke) und gezupften Saiteninstrumenten (Michelangelo Flammia), mit einem Flügelhorn (Markus Stockhausen), das fein ausklingende Melodielinien intoniert („Zeitreisende“), ein aufregend sangliches Cello (Jörg Brinkmann), und Florian Weber entfaltet am Klavier variationsreiche rhythmische und harmonische Ideen. Nein, wild ist das Klangbild nicht. Es ist sondern dicht, überraschend, voller Abwechslung, dabei von narrativer innerer Konsequenz.

Der Musik aber liegen nicht, wie im Jazz üblich, Kompositionen mit Improvisations-Freiräumen zugrunde. Markus Stockhausen spricht von intuitiver Musik, und der erste intuitiv (und offenbar zugleich wohlüberlegt) vorgenommene Schritt war die Auswahl der Musiker: Die Besetzung ist immer schon ein kompositorischer Akt.

Gemeinsam & verbindlich

Das Album:

Markus Stockhausen: Wild Life. Okeh / Sony.

Zweitens gab es genaue Absprachen über die gemeinsam verbindliche Art, aufeinander zu hören und miteinander zu agieren. Mehr, versichert Markus Stockhausen, sei nicht geplant worden.

Herausgekommen sind mehr als 170 Minuten, also fast drei Stunden Musik, die auf dem Dreifach-Album „Wild Life“ versammelt sind. Ein Dreifach-Album, das ist auch eine klare Stellungnahme gegen Häppchenkultur, für größer gefügte Formen und übergreifende dramaturgische Zusammenhänge.

Markus Stockhausen erwähnt in den Liner Notes nur einige kleinere Eingriffe, die er gemeinsam mit seinem Bruder, dem Synthesizer-Spieler und Sound Designer Simon Stockhausen, in der Post Production vorgenommen habe, eine Umstellung und einige klangliche Bearbeitungen. Im Großen und Ganzen aber und bis auf Details gibt die Dreifach-CD auch in der Reihenfolge der Stücke den Verlauf und die zweitägige Einspielungs-Session in den Bonner Hansahaus Studios Anfang des Jahres 2018 wieder.

Das Ergebnis hat nichts Ungefähres, und nichts klingt unbeabsichtigt oder gar vorläufig. Es ist eine reife, auch formal fundierte und dennoch überaus freie und sich immer wieder erstaunlich neu definierende und zusammensetzende Musik. Wobei auch die Tatsache, dass fast alle Musiker dieser Session auch mit dezenten und diskreten elektronischen Effekten arbeiten – Markus Stockhausen selbst etwa mit Harmonizer und Delay, Florian Weber hat neben dem Klavier eine kleines elektronisches Keyboard stehen, Simon Stockhausen arbeitet ohnehin mit Sampler und Klanggeneratoren, Schlagwerker Christian Thomé bearbeitet seinen Schlagzeugklang elektronisch. Das steigert die Unvorhersehbarkeit und den mehrdimensional strukturierten Eigensinn der Musik, die dennoch nie an Überfülle erstickt.

Wild ist diese Musik allenfalls wie ein freundlicher Dschungel, in dem es nichts gibt, was Angst macht: verzweigt und verwachsen, organisch, fruchtbar und unbekannt.

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