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Markus Stockhausen „Tales“: Musik für eine lange Zeit

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Markus Stockhausen.
Markus Stockhausen. © Gerhard Richter/dpa

Markus Stockhausens Quartett und das Album „Tales“.

Ich hoffe, Sie haben Zeit“, schreibt Markus Stockhausen im Begleittext zu seinem Dreifach-Album „Tales“, „Erzählungen“, das ohne weitere Satzzeichen den schmucklosen Untertitel „compositions improvisations“ führt. Musik ist eine Zeit-basierte Kunst, Musiker und Musikerinnen leben also davon, dass es Hörer und Hörerinnen gibt, die Zeit haben. Musik wird gehört oder nicht, aber man kann an ihr nicht wie an einem Bild schnell vorbeigehen und flüchtig hinschauen.

Eine der drei CDs enthält ausschließlich komponierte Stücke, die anderen beiden ausschließlich improvisierte Musik. Alle drei wirken wie eng miteinander verwandt, auch wenn in den improvisierten Teilen der Erzählungen hier und da größere klangliche Freiheiten genommen werden und der Synthesizer durchaus raumgreifend agieren kann.

Im Begleittext schreibt Stockhausen auch, er habe im Gespräch mit der Band gesagt: „Eigentlich wünsche ich mir vor allem Frieden in unserer Musik.“ Frieden und Zeit scheinen also einen Zusammenhang zu bilden. Es entstehen Reibungen und Spannungen, aber keine Selbstbehauptungs-Bedürfnisse. Die Musik ist von einem generösen Konsens getragen und von einem gelassenen Zeitgefühl geprägt.

Das Album:

Markus Stockhausen Group: Tales – compositions improvisations. O-Tone Music.

Sangliche Melodiebögen

Immer ist da der klare, vollendet artikulierte Trompetenton, der seit je Markus Stockhausens Markenzeichen ist, ohne Dumpfheiten in den tiefen und ohne Schärfen in den hohen Registern. Da ist Jörg Brinkmann am Cello, mit großen, sanglichen Melodiebögen, feingliedrig und elegant, auch wenn er rhythmisch grundiert, wie es sonst die Aufgabe eines Kontrabasses wäre. Jeroen van Vliet am Klavier ist ein Ensemble-Musiker mit tiefgründig harmonischer Präsenz, der Räume findet und behauptet, ohne sich orchestral aufzuspielen. In den improvisierten Stücken ist er immer wieder auch am Synthesizer zu hören: zurückhaltend, nie effektheischend, mit Melos und intensiver Klangökonomie, nie mit amorpher Füllmasse. Christian Thomé am Schlagzeug schließlich verbindet filigranes, klangsinnliches Spiel mit der lässig ausgeübten Fähigkeit, Rhythmik zu spielen, ohne sie zu markieren.

Die ausnotierten Passagen auf der ersten CD gehen über das, was im Jazz „thematisches Material“ heißt, hinaus. Sie sind verbindliche Rahmensetzungen von Tonvorräten, formalen Strukturen, Klangstrategien und Stimmungen. Sie definieren den Bewegungsraum der Musiker, ohne dass man diese Definitionen als Beschränkung empfindet. Sie definieren einen Konsens, sie geben der Musik eine tiefe Ruhe und dem Hörer ein Grundvertrauen in das, was zu erwarten ist. Sie markieren Wege, auf denen die Musiker bei den die improvisierten Aufnahmen weitergehen.

Jedes Stück ist eine abgeschlossene Geschichte, und zusammen bilden sie einen übergreifenden Zusammenhang, der sich nur mit der Zeit schließt. Die Titel der Stücke sind Übersetzungsversuche der Musik in eine verbale lyrische Sprache, wobei für die CDs zwei und drei Musik und Titel in kollektiver Produktion entstanden sind. Das letzte Stück der letzten CD hat die Band „Peace Is Possible“ genannt und damit einer Hoffnung Ausdruck verliehen, die im Zusammenspiel gemeinsam produziert wurde.

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