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Marina Viotti in der Oper Frankfurt: Sie liebt – irgendwen

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Liederabend Marina Viotti (Mezzosopran), Todd Camburn (Klavier), Antoine Brochot (Kontrabass) | 29.11.2022 | Oper Frankfurt
Marina Viotti in der Oper Frankfurt. © © Barbara Aumüller

Marina Viotti beim Liederabend in der Oper Frankfurt.

Da staunt man erst einmal, weil sich die Sängerin unter dem Klavier zusammenrollt. Dann geniert man sich ein bisschen, weil die Sängerin, als ihre beiden Kollegen sie finden und wecken, offenbar vorhat, uns von zurückliegenden und bevorstehenden Liebesabenteuern zu erzählen. Inzwischen ist sie auf die Beine gekommen und schafft es mit haarsträubenden Überleitungen von William Bolcoms „Zahnputzzeit“ über Georges Bizets „Seguidilla“ aus „Carmen“ und Erik Saties „Je te veux“ zu Isolina Carrillos „Dos Gardenias“ zu kommen. Ein Wort gibt das andere, und die Lieder sind schön, was soll man sagen, wartet also ab.

Und während man so abwartet, wickelt einen die Mezzosopranistin Marina Viotti nach allen Regeln ihrer Kunst um den kleinen Finger. Sie wickelt mit sich selbst und ihrer Stimme, einem von Nummer zu Nummer neu und anders schillernden Mezzo, für jeden Spaß zu haben (die Leierkastenfrau in Bolcoms „Song of Black Max“), aber in Dalilahs Verführungslied für Samson auch ruhig und groß (und durch eine Erkältung vielleicht eine Spur abgebremst).

Man habe ihr gesagt, erzählt sie ganz am Ende, das deutsche Publikum sei noch nicht bereit für ein solches Programm, aber in der Zwischenzeit ist es längst bereit dafür. Es will Zugaben, bekommt Zugaben, und selbst der offizielle Teil der Liebesgeschichte endet insofern folgerichtig, als Marina Viotti zum Schluss wieder unter dem Flügel liegt. Sie ist eine Komikerin, eine Opernsängerin als Komikerin, das ist ungewöhnlich, aber in dieser Ausführung als Herzensangelegenheit auch unwiderstehlich. Beim Liederabend im Frankfurter Opernhaus bedankt sie sich für unsere Neugier, aber wie immer müssen wir dankbar sein.

Das Programm also frei und wild, aber es geht um die Liebe und ihre gravierende Abwesenheit. Marina Viotti hat sich neben dem Pianisten Todd Camburn auch den Kontrabassisten Antoine Brochot mitgebracht, die beide als musikalische Begleiter, aber auch als coole Nebendarsteller ihrer Show zur Verfügung stehen. Wie auch noch coolere Zuschauer, die zu Jacques Offenbachs „Je t’adore, brigand“ (aus „La Périchole“) zwei Schurken sind, zwischen denen sich die Sängerin nicht entscheiden mag. Durch Zerbinetta weiß jeder, dass solche Entscheidungen in der Tat unsinnig ist, insofern befinden sich Freundinnen und Freunde der Oper hier auf sicherem Parkett, sobald sie sich darauf eingestellt haben, dass Marina Viotti auch zum Mikro greift, um Arthur Hamiltons „Cry Me a River“ wie in einer verruchten Bar zu hauchen.

Und wem das nicht behagt, der muss spätestens beim Arnold Schönbergs „Mahnung“ lachen. Und wenn da immer noch nicht, dann bei Benjamin Brittens „Johnny“. Dazwischen passt allen Ernstes Franz Schuberts „Der Zwerg“. Ein wildes Programm, wie gesagt, aber was von Leidenschaft bestimmt ist, hat einen Spielraum, den man anschließend kaum noch rekonstruieren kann.

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