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Marilyn Manson hat Ende 2019 auf einer Bühne in Texas seinen Spaß.

Marilyn Manson

„We Are Chaos“: Der Mensch ist so kompliziert

Marilyn Mansons letzte Alben landeten alle in den Charts. Das neue heißt: „We Are Chaos“.

Es gab eine Zeit, in der die Musikvideos von Marilyn Manson nur ganz spät abends auf MTV liefen – oder gar nicht im Fernsehen gezeigt wurden. Denn ein gruseliger Keller, in dem bleiche blutverschmierte Gestalten umhertanzten und Würmer herumkrochen – wie in dem Video zu „The Beautiful People“ – ging für viele Zuschauer weit über die Grenze des Erträglichen hinaus. Das gleiche galt für das zu „Sweet Dreams (Are Made Of This)“, in dem Manson Selbstverletzung und Vergewaltigung vortäuschte. Oder „The Dope Show“, in dem er auf seine Art mit geschlechtlichen Identitäten spielte.

Mansons Musik und Erscheinungsbild brachte Ende der 90er-Jahre christliche Protestgruppen auf die Straße, und in der Politik schien man sich ebenfalls an ihm zu reiben. Wiederholt wurde öffentlich über Auftrittsverbote gestritten. Manson war es gelungen, sich in eine Kunstfigur zu verwandeln, die provozierte. Der Name, der an den Serienmörder Charles Manson und Marilyn Monroe angelehnt ist, als ästhetisches Programm: vermeintlich obszöne Musikvideos, Kunst, die er im Absinthrausch à la van Gogh fabrizierte oder Texte über Gier, Lust und Tod.

Doch die Zeiten, in denen der mittlerweile 51-jährige Schockrocker provozierte, liegen schon etwas länger zurück. Auch wenn sein letztes Album „Heaven Upside Down“ mit Videos wie aus einer True-Crime-Serie daherkam, scheinen Horror und Obszönität kaum noch jemanden aus der Reserve zu locken. Zudem ist Manson an dem Punkt angelangt, an dem er sich mit seinem Alter und seiner eigenen Erfolgsgeschichte auseinandersetzen müsste. Was schockiert heute noch, und will er das überhaupt noch?

Sein neues Video „We Are Chaos“ aus dem gleichnamigen, nun erscheinenden Album zeigt ihn jedenfalls so sanft wie bei seinem letzten Country-Cover „God’s Gonna Cut You Down“: Manson setzt sich einmal mehr als Geschichtenerzähler in Szene, der nicht mehr selbst im Vordergrund stehen muss. In dem Video zur Single wird sein Kopf dabei mit und ohne Blut zu verschiedenen Menschen eingeblendet; er sinniert darüber, dass der Mensch kompliziert, krank und letztlich unheilbar sei. Begleitet werden seine Zeilen von einem folkigen, teils glamrockigen Sound. Nur Mansons raue Stimme verleiht dem Ganzen den Schauer früherer Tage.

Sein elftes Studioalbum, das auf seine zahlreichen in den Charts platzierten Werke folgt, nahm er mit dem Country-Musiker Shooter Jennings auf. Dessen Einfluss ist in dem Titelstück deutlich zu hören. Auch in „Paint You With My Love“ klingt es eher nach einer Country-Ballade denn einer neuerlichen Gruselexkursion. Doch Manson wäre nicht Manson, wenn er mit Zeilen wie „Blondinen lassen ihr Höschen fallen und weinen zum ersten Wiegenlied ihres Vaters“ dem Ganzen nicht einen makaberen Touch verliehe. In Liedern wie „Red Black and Blue“ markiert er wiederum sein Revier als dunkler Lord und lässt die Band ran: Es rauscht und kracht und Manson kreischt zu einem herrlich treibenden Rockbeat. Er ist der König, der Dämon – rot, schwarz, blau. Die Lieder „Perfume“ und „Keep My Head Together“ reihen sich perfekt dazu ein.

In einer Pressemitteilung zum Album heißt es, Manson halte der Gesellschaft jenen Spiegel vor, in den sie nicht gern sieht. „Während ich diese Platte gemacht habe, kamen mir immer wieder die Gedanken: ‚Zähme deine Verrücktheit, nähe deinen Anzug. Und versuche so zu tun, als wärst du kein Tier‘ – aber ich wusste, dass die Menschheit das Schlimmste von allen ist“, so Manson.

Das wird ganz gut in dem wohl schönsten Rockstück „Half Way And One Step Forward“ deutlich, wo er darüber sinniert, dass man nichts von „Champagner-Problemen“ wissen wolle, vom grundlosen Rumgeheule. „Es geht nicht um den Sturm der Tränen, den du während deiner Lebenszeit vergießt, sondern darum, wie sehr die Leute um dich weinen werden“, singt er. In dem Stück „Infinite Darkness“ macht er hingegen klar, dass man länger tot ist, als man lebe, und dass Berühmtheit einen Menschen nicht wertvoller mache. Ein geradezu humanistischer Ansatz aus diesem geschundenen Antlitz.

Mit solchen Zeilen wird Manson vermutlich nicht für Proteste sorgen, wenn sie auch eine Steilvorlage für neue obszöne Videos bieten. Das macht aber nichts: „We Are Chaos“ reiht sich gut in sein Gesamtwerk ein. Es klingt mal schön, mal schaurig, mal sanft und markiert die Ära eines Geschichtenerzählers, der seine Karriere tatsächlich einmal als Erzähler begann: In den späten 80er Jahren arbeitete Manson, der gebürtige Brian Hugh Warner heißt, als Journalist bei einem Musikmagazin in Florida. Das erste Interview mit dem damals noch unbekannten Marilyn Manson führte Marilyn Manson.

Das Album: Marilyn Manson: We Are Chaos. Caroline / Universal Music.

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