Sopranistin Maria Keohane.
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Sopranistin Maria Keohane.

Musik

Maria Keohane: Bach in Schweden

  • vonHans-Jürgen Linke
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Maria Keohane interpretiert Choräle aus Dalarna und Sopranarien aus Sachsen.

Man kann sich gut vorstellen, dass die mittelschwedische Provinz Dalarnas län im 18. Jahrhundert eine ziemlich einsame Gegend war. Eine urbane Kultur jedenfalls, wie sie – trotz der noch nicht lange zurück liegenden Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges – zur gleichen Zeit in Deutschland sich zu entwickeln begann, ist hier kaum vorstellbar. Insofern ist die Tradition des so genannten Dalarchorals durchaus überraschend. Es handelt sich dabei um Lieder, die zugleich fromm und volkstümlich sind, also eine Schnittmenge aus Volkslied und Choral bilden. Gesungen wurden (und werden) sie in den protestantischen Kirchen der Gegend, in älteren Zeiten oft ohne instrumentale Begleitung – nicht aus Purismus, sondern aus schlichtem Mangel. Aber häufig entsteht ja gerade im Mangel ein Reichtum an Intensität.

Die schwedisch-irische Sängerin Maria Keohane hat sieben dieser schönen, melodisch recht komplexen und kunstreichen Lieder interpretiert und dazu acht Sopranarien von Johann Sebastian Bach auf einer CD gesellt. Maria Keohane kennt die schwedischen Volks-Kirchen-Lieder aus ihrer Kindheit, einer Zeit also, zu der kein Mensch schon eine Grenze zwischen verschiedenen musikalischen Traditionen und Zuordnungen zieht. Unvoreingenommen und überaus kundig hat sie Bachs Arien thematisch verwandte Lieder an die Seite gestellt – zum Beispiel „Wenn die Frühlingslüfte streichen“ (BWV 202) neben „Nu är midsommer natt“. In beiden geht es in durchaus subtiler Sinnlichkeit um die Liebe. Wer das unvoreingenommen in der Interpretation von Maria Keohane hört, käme keine Sekunde auf die Idee, dass hier komplexe Hochkultur auf simple Volkskultur trifft.

Gleichwohl gibt es auf dem Album eine markanten Unterschied: die schwedischen Choräle werden a cappella gesungen, Bachs Arien dagegen von einer kleinen Besetzung der Camerata Kilkenny begleitet, so dass ein sehr inniges und konzentriertes Ineinander von vokalen und instrumentalen Stimmen entsteht. Das wertet jedoch nicht die Arien auf und die Dalachoräle dagegen ab, sondern intensiviert die Wahrnehmung für beide. Und hätte es im schwedischen Barock in einem Städtchen wie Borlänge oder Falun oder in Mora am Siljansee einen Komponisten wie J.S. Bach gegeben und in Schweden ein paar konkurrierende Landes- und Ländchenfürsten, wer weiß, was sich aus dieser musikalischen Tradition alles hatte entwickeln können.

So aber gibt das Material den Musikerinnen und Musikern der Camerata Kilkenny und Maria Keohane die Gelegenheit, in sorgfältiger historischer Spiel- und Gesangspraxis das Nebeneinander zweier ungemein reicher und dabei überaus intimer protestantischer Musik-Traditionen zu dokumentieren und zwischen beiden eine anregende Nähe herzustellen.

Der Ort der Aufnahme, die Vorarlberger Propstei St. Gerold, intensiviert diese Nähe noch. Ein anspruchsvolles und poetisches Booklet rundet die Produktion ab.

Maria Keohane / Camerata Kilkenny:  J.S. Bach Soprano Arias & Swedish Folk Chorales. Maya Recordings.

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