Maria Bengtsson, am Klavier: Sarah Tysman.
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Oper Frankfurt

Maria Bengtsson: Und vergiss, was dich bedroht!

  • vonBernhard Uske
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Die Oper Frankfurt ist wieder offen und beginnt mit einem großartigen Strauss-Abend.

Es sah aus wie eine typische Nischenkunst-Veranstaltung in einem viel zu großen Saal: das schütter besetzte Auditorium der Frankfurter Oper beim ersten Auftritt nach der Schließung am 12. März. Von gähnender Leere würde man bei normalem Betrieb reden, wenn von 1600 Sitzplätzen gerade einmal 100 besetzt sind. Jetzt aber war das brechende Fülle, ausverkauftes Haus, und als der Sprecher der Oper „Wir spielen wieder!“ sagte, brandete Applaus auf, der einem Bekenntnis glich. Später fielen im Lied „Ruhe meine Seele“ von Richard Strauss, gesungen von Maria Bengtsson, die Worte „Meine Seele, / Und vergiss,/ Was dich bedroht!“ – ein schönes Motto für diese besondere Premiere.

Ein Strauss-Abend – was hätte es Besseres geben können als die Lässigkeit und Largesse des Zauberers der späten Tonalität, um die Besorgnis über Sicherheitsabstand auf Podium und Parkett sowie Maskentragepflicht beim Ein- und Ausgang zu zerstreuen? Zumal die Sängerin auftrat, die eigentlich die Marschallin im stornierten „Rosenkavalier“ hätte sein sollen, ebenso Cecelia Hall bezüglich des Octavian. Jener junge Mann, der ob der Gedanken seiner Geliebten über die Zeit und deren Verwandlungskraft noch nicht weiß, dass er selber gewandelt werden wird.

Monolog und Duett der sentimentalisch befangenen Frau und die Irritationen ihres naiven Liebhabers, der die Zeit noch nicht erlebt, waren das Zentrum des Abends. Nachgeschmack eines durch die Stilllegung des Opernbetriebs vereitelten Ereignisses auf großer Bühne, das jetzt eine spezielle Atmosphäre hatte. Denn die Klavierfassung und deren Interpretin Sarah Tysman gaben dem grandiosen Metaphern- und Anspielungsdiskurs Hugo von Hofmannsthals einen präzisen, kammermusikalischen Ton.

Die Musik versuchte nicht, die Mischung aus lockerer Melancholie und ahnungsloser Unwirschheit der verfangenen Gesprächspartner durch Schmelz und Süffigkeit zu kompensieren. Vieles war fast mozartisch gefasst trotz der Zeitdehnung bei Strauss. Und fast stahl die bezwingende, direkte Stimme Cecelia Halls der fragil wirkenden Maria Bengtssons die Schau. Wobei zuletzt der schwedischen Sopranistin die Zeichnung von gelöster Schwermut und stillem Abschied perfekt gelang.

Begonnen hatte die Sängerin mit Liedern, in denen sie weniger weiches Legato als vielmehr vokal-gestische Virulenz vermittelte. Pointiertheiten dynamisch differenziert und kein sehr volles, aber starkes Volumen in der Höhe. Während bei lyrischen Spitzenlagen die Reinheit und Feinheit des Tons exzeptionell waren.

Den Schluss bildete „Capriccio“, Strauss’ letzte Oper, wo die Angebetete des Dichters und des Komponisten über die Beziehungen von Wort und Ton reflektiert. Vorher hatte ein Sextett der ersten Streicher des Opern- und Museumsorchesters die Ouvertüre des Werks von 1942 mit seiner nüchternen Parlando-Polyphonie in straussischer Beherrschtheit präsentiert. In der Schlussreflexion ihrer Protagonistin vor dem Spiegel konnte Bengtsson noch einmal ihre überragende Tonhöhen-Leichtigkeit sprechend machen.

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