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Klaus Voormann in seinem Atelier in Tutzing.

Klaus Voormann

Der Mann mit den zwei Gehirnen

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Zum 80. Geburtstag des Musikers und Grafikers Klaus Voormann, der die Gründungsgeschichte der Popmusik stilprägend mitgeschrieben hat.

Als George Harrison am 1. August 1971 beim Konzert für Bangladesch in New York seinen Freund und Kollegen schräg hinter sich vorstellte, fand er eine Formulierung für ihn, die bis zum heutigen Tage gelten kann: „Am Bass ein Mann, den viele gehört, aber wenige jemals gesehen haben, Klaus Voormann.“ Die Rede war und ist von dem einzigen deutschen Künstler, der die Gründungsgeschichte der Popmusik stilprägend mitgeschrieben hat.

Als Grafiker schuf er das Cover der revolutionären Beatles-LP „Revolver“, als Musiker begleitete er nicht nur die bekanntesten Songs auf den Soloalben von John Lennon („Imagine“), George Harrison („My Sweet Lord“) und Ringo Starr („Photograph“), er spielte mit Eric Clapton, Lou Reed, B.B. King und neben vielen anderen auch mit Carly Simon, die ihm das bezaubernde Intro zu ihrem Hit „You’re So Vain“ verdankt. Allein für dieses kleine Kabinettstück hätte der Mann, der am Sonntag achtzig Jahre alt wird, die Goldene Ehrenbassnadel verdient.

Echo-Verleihung endete im Desaster

Seine beiden Grammys heimste Voormann schon vor Jahrzehnten ein, ohne freilich eine große Sache daraus zu machen. Als er vor zwei Wochen endlich auch von der heimischen Musikindustrie geehrt werden sollte, mit dem Echo für sein Lebenswerk, endete die Chose im Desaster. Zwei Rapper, deren skandalöser Beitrag hier nicht noch mal referiert werden soll, hatten mit ihrer Darbietung unmittelbar vor der Ehrung ja nicht nur seinen Auftritt gestohlen, sie entwerteten den Preis an sich. Voormann war der erste, der Konsequenzen zog und seinen Echo zurückgab, in einem anderthalbseitigen Statement kritisierte er die „Verantwortungs- und Geschmacklosigkeit“ der Juroren. Der Mann, der beinahe der fünfte Beatle geworden wäre, hat einen Preis wie diesen wirklich nicht verdient. 

Wahrscheinlich hätte er gar nicht hingehen sollen, wie damals bei den Grammys, die hatte er auch geschwänzt. Weil er viel zu schüchtern ist und zu bescheiden. „Selbstbewusstsein hat man oder man hat es nicht“ sagt Voormann in dem vor Jahren erschienenen und immer noch wundervollen Dokumentarfilm „All You Need Is Klaus“, für den er die wichtigsten Orte seiner Karriere besuchte. Die Reise nach Hamburg, London, New York und Los Angeles wird zu einem melancholischen Trip zurück in eine Zeit, als Pop die Welt auf den Kopf stellte.

Für Klaus Voormann hatte es zunächst ganz und gar nicht danach ausgesehen, als würde er dabei sein, wenn irgendwo etwas auf den Kopf gestellt wird. Geboren 1938 in Berlin, wuchs er im langweiligen Stadtteil Frohnau auf, wo seine Familie, die ihr Geld noch vor der Inflation mit Immobilien in Potsdam und Goldminen in Südafrika gemacht hatte, die größte Villa der Gegend bewohnte. Er war umgeben von klassischer Musik, spielte als Kind Chopin auf dem Flügel, zeichnete gern und hörte zu Hause Jazz. Nur in der Schule war er schlecht. So schlecht, dass er sie ohne Abschluss verlassen musste. 

Klaus Voormann ist Legastheniker, er leidet unter einer genetisch bedingten Lese- und Schreibstörung, für die man in der Nachkriegszeit kein Mittel fand. Noch heute muss er jedes Wort laut lesen, um es zu verstehen. Er selbst führt dieses Defizit darauf zurück, dass seine beiden Gehirnhälften nicht verbunden seien, so habe es ihm ein Spezialist erklärt. Die Idee mit den getrennten Gehirnhälften ist umso faszinierender, wenn man sieht, dass Voormann als Grafiker mit der linken Hand arbeitet, den Bass indes als Rechtshänder bedient. Zu seinem Verdruss sei es ihm nie gelungen, beide Sphären zu verbinden, wie er einmal sagte. Entweder Zeichenstift oder Instrument. Entweder Grafik oder Rock’n’Roll. In beiden Disziplinen schuf er Meisterwerke, in beiden gewann er einen Grammy. Aber immer blieb da die Angst, in beidem auch nur halb gut zu sein. 

Wegen seiner Leseschwäche kann Klaus Voormann nicht nach Noten spielen. Für den Songwriter Randy Newman ist er gerade deshalb einer der besten Bassisten der Welt, weil er alles intuitiv erfasst hat. „Klaus spielte nie irgendwelche Noten, er spielte Musik.“ Alles, was du brauchst, ist Klaus. Das müssen sich John Mayall, The Hollies, The Moody Blues und Manfred Mann gedacht haben, als sie sich alle gleichzeitig um ihn bemühten. Voormann entschied sich für Manfred Mann. Bei  „Mighty Quinn“ spielt er nicht nur den Bass, sondern auch das Titelmotiv auf der Querflöte. Der gute George sagt es ja, jeder hat ihn schon mal gehört.

Kennengelernt hatten die Beatles ihn in Hamburg, in den Tagen vor dem Ruhm. Klaus Voormann war von seinen Eltern dorthin geschickt worden, auf die Meisterschule für Gestaltung. Irgendwas mit Kunst sollte es sein, da ihm die Welt der Worte verschlossen blieb. Der Junge machte sich gut und bekam bald einen Job als Grafiker bei der Fernsehzeitschrift „Hörzu“. Nachts zog er durch die Kneipen auf der Reeperbahn, er war Anfang zwanzig. Als er an einem Herbsttag des Jahres 1960 am Kaiserkeller vorbeikam, hörte Voormann von drinnen eine Musik, wie er sie noch nie zuvor am eigenen Leibe erlebt hatte: Die Beatles, damals noch zu fünft, John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und dazu Pete Best am Schlagzeug und Stuart Sutcliffe am Bass. Sie fanden sofort einen Draht zueinander, die Liverpooler Rohlinge in ihren Nietenjacken und der stille Künstlertyp im schwarzen Rolli, die Haare sauber über die (Segel)ohren gekämmt. 

Die Geschichte, wie Klaus Voormann aus Frohnau dann fast ein Beatle geworden wäre, gehört heute zum Mythenschatz des Pop. Er ist öfter für Sutcliffe eingesprungen, der erstens nicht gut war am Bass und sich zweitens mehr für die Mädchen im Klub interessierte. Voormann stand aber nicht mit den anderen auf der Bühne, er saß auf einem Stuhl neben dem Podium und spielte im Schatten der Scheinwerfer. Am Morgen nach ihrem letzten gemeinsamen Auftritt, von Cola und Kaffee und sonst noch was aufgeputscht, hat er sich ein Herz gefasst und Lennon gefragt, ob er eventuell richtig bei ihnen einsteigen könne. Sutcliff hatte sich inzwischen zum Studium verabschiedet. Die Antwort lautete: „Sorry, Klaus, Paul hat sich schon einen Bass gekauft.“ Das ist die berühmteste Absage in der Geschichte von Initiativbewerbungen. Paul McCartney spielte fortan bei den Beatles den Bass und Klaus Voormann blieb ihr bester Freund.

Jedes Leben ist ein Folge zahlloser Möglichkeiten, nur wenige fügen sich am Ende zu einer Biografie. Es hätte für Klaus Voormann an jenem Morgen auch ganz anders kommen können. Die Beatles hat er knapp verfehlt, aber seinen Haarschnitt, den haben sie genommen.

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