+
Nils Wogram.

Deutsches Jazzfestival

Mann mit Nachwirkung

  • schließen

Ein Abend zu Ehren von Albert Mangelsdorff eröffnet das 49. Deutsche Jazzfestival in der Alten Oper.

Mit der Idee der Bigband, hat Albert Mangelsdorff Ende der 70er Jahre in einem Interview gesagt, sei er nicht sonderlich befreundet. Später hat er Musik für das große Ensemble geschrieben, und erläutert, er habe damals gemeint, in einer Bigband als Sideman zu sitzen und mitzuspielen, das habe ihn nie interessiert. Aber als Solist vor der Bigband oder gar als Komponist, das sei eine ganz andere Sache.

Zu seinem 90. Geburtstag hat die Jazzredaktion des Hessischen Rundfunks dem 2005 verstorbenen Posaunisten den Abend zur Eröffnung des 49. Deutschen Jazzfestivals gewidmet, der zum dritten Mal nun, vorgelagert den Kerntagen, vor einem größeren Publikum in der Frankfurter Alten Oper stattfand. Unter dem Titel „Hut ab!“ hat die hr-Bigband in den Arrangements ihres ehemaligen Chefdirigenten Jim McNeely die fünf Stücke des großen Albums „Trilogue“ von 1976 aufgeführt, das auf einem Mitschnitt der Begegnung Mangelsdorffs mit dem Bassisten Jaco Pastorius und dem Schlagzeuger Alphonse Mouzon basiert.

1976, da hatte Mangelsdorff, bereits ein Musiker von Weltrang, gerade jene umwälzend neuen Spieltechniken entwickelt und auf Soloalben und in Solokonzerten manifest gemacht, die ihm ein mehrstimmiges Spiel erlaubten, mittels Zirkularatmung unter anderem. Von diesen „Multiphonics“, die prägend gewesen sind für die weitere Geschichte der Posaune wie auch anderer Blasinstrumente im Jazz, gab Nils Wogram, heute einer der markantesten Vertreter des Instruments, als furioser Gastsolist einige Proben – eigengeprägt wie alles an diesem höchst vital sich darstellenden Abend.

Ungeachtet etlicher schneidender Tuttischläge behandelt Jim McNeely die Bigband in seiner freigeistigen Anverwandlung der Mangelsdorff-Kompositionen wie ein großes Kammerensemble. Fortwährend tun sich, den Titel „Trilogue“ spielerisch beim Wort genommen, neue Trios auf, oft im fliegenden Wechsel. Eine zentrale Rolle kommt dabei neben Wogram dem glänzenden Neuzugang Hans Glawischnig am fünfsaitigen E-Bass und dem zupackend spielenden Schlagzeuger Jean Paul Hochstädter zu.

Zuvor reihten sich einstige Weggefährten Mangelsdorffs wie der Tenorsaxofonist Christof Lauer, die Pianisten Joachim Kühn und Tom Schlüter, der Bassist Bruno Chevillon, die Schlagzeuger Daniel Humair und Pierre Favre sowie die Posaunisten Samuel Blaser, Günter Bollmann, Stefan Lottermann und Nils Wogram in wechselnden kammer- bis kollektivmusikalischen Begegnungen von enormem Spannungsreichtum – auch und gerade in gedämpften Klangbildern.

Es ist dies ein Abend des europäischen Jazz gewesen, zu dessen eigenständiger Form Mangelsdorff einen entscheidenden Beitrag geleistet hat. Die Wiederbegegnung mit seiner Musik zeigt, dass man sie noch heute als „zeitgenössisch“ empfinden kann. Das braucht einem nicht gleich zu denken geben mit Blick auf den Jazz der nachfolgenden Generationen. Es offenbart in erster Linie, welch anhaltende Nachwirkung Mangelsdorff hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion