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Adam Green war einst Anti-Held, der Anti-Folk zum Besten gab, was vor allem den in ihre Anti-Haltung verliebten Europäern, namentlich den Franzosen und Deutschen gefiel.

Retro-Sänger Adam Green

Manhattan? Cooler als Disney World

Der New Yorker Retro-Sänger Adam Green hat ein neues Album veröffentlicht. Darin zeigt sich auch die Pose einer ganzen Stadt, die den Rock ins Museum gestellt hat. Von Tobi Müller

Von Tobi Müller

Manhattan nach dem Ende der Nullerjahre, das ist die Zentrale der Retro-Rockverwaltung. Gitarren, Gitarren, Gitarren. Schrammel, schrummel, bimmelbammel: Das war der Sound, der von hier aus zum zweiten Mal die Welt eroberte. Denn zwei große Trends wurden hier geboren. Zum einen die The-Bands wie The Strokes, die nach den siebziger Jahren klangen. Und zum anderen der Anti-Folk eines Adam Green, einer Joanna Newsom oder eines Antony. Heute sitzt man in legendären Cafés, in denen nichts läuft. Zieht um die Häuser, die meistens Museen sind. Oder an Läden, Läden, Läden vorbei. Willkommen im Disney World des alternativen Rock. Coole Sache, aber darf ich jetzt noch einen doppelten Latte mit Pfefferminzeis haben, bitte?

Der berühmteste Erinnerungstempel des Punk in New York ist seit ein paar Jahren geschlossen. Am Ort des ehemaligen CBGBs im südöstlichen Manhattan kauft man mittlerweile teure Jeans. Wo Mitte der siebziger Jahre Bands wie The Ramones, Television oder Patti Smith die pompöse Rockmusik zerstörten, um sie selber nochmal zu erfinden, hat bloß der Stil überlebt. Viele Boutiquen dieser Gegend schmücken ihre Schaufenster mit alten Gitarren und Bässen, die Lederjacken tragen astronomische Preisschilder. Man kann das weder Fashion Punk noch Punk Fashion nennen, dafür wirkt es zu bieder. Vielleicht: Casual Business Punk.

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet im Jahrzehnt der Digitalisierung hatte in New York der analoge Sound Konjunktur. Gespielt mit Gitarren, gesungen von Typen mit ungewaschenen Frisuren. Stets klang es nach einer Zeit vor Internet, Globalisierung und gesicherten Innenstädten. Indes: Diese Musik sah gut aus - nach all den blassen Elektronik-Bastlern, grotesk kostümierten Hiphoppern und Flanellhemd-Rockern eine Wohltat für die stilbewusste Jugend.

Als The Strokes 2001 mit "Is This It" das Rückwärts-Spiel des Rock eröffneten, waren alle zufrieden, weil überrascht. Man mochte nicht so richtig über Geschichte reden. Dafür war der Sänger Julian Casablancas zu attraktiv. Obwohl seine Musik deutlich nach Television klang. Nach dem Sound vom CBGB, mit dem Unterschied, dass die neuen Bands zwanzig Jahre danach fleißig geübt hatten. Diese Neo- Nonchalance war geprobt. Dann kam eine Band nach der anderen mit jungen Sängern, die so dünn waren wie die New Yorker Downtown-Punks der Siebziger. ( 2001 war folglich auch das Jahr, in dem die ersten Popjournalisten zu joggen begannen und heimlich kalorienreduziertes Bier tranken, um bei Konzerten nicht allzu sehr aufzufallen. In diesem Jahrzehnt wurde Pop also klassisch und die Brillen der Älteren getönt. Vorsicht Falte!)

Julian Casablancas von The Strokes ist mittlerweile dreißig und stellte in Berlin unlängst sein erstes Soloalbum vor: "Phrazes for the Young". Casablancas hat ein Gespür für pophaltige Refrains im coolen Soundkleid, aber dieser halbherzigen Elekroplatte mit vielen Gitarren fehlt nicht das Handwerk, sondern der Entwurf. Es passten denn auch noch ein paar junge Menschen oder Phrasen in den Saal. Dafür war nach 50 Minuten alles vorbei. Den Gesang hat man vor schierer Lautstärke nicht gehört, aber das ist egal. Casablancas verwaltet bereits sein Erbe, es geht um die Pose am Mikrofon. Um ein Bild. Jetzt stehen ein paar Mädchen neben der Bar und lassen sich von Roadies abschleppen, in der Hoffnung ihn zu sehen. Julian Casablancas, der jetzt aussieht wie Adam Green oder umgekehrt. Sogar die Musik von Casablancas klingt ein bisschen nach Greens Vaudeville-Vignetten.

Der zweite Retro-Coverboy New Yorks, Adam Green, könnte heute ein Doppelgänger des ersten sein. Das Cover von Greens neuem Album "Minor Love" zeigt den Singer/Songwriter in reinem Schwarzweiß, im schwarzen Lederjäckchen und linkisch verspielter Pose. Als wär´s ein Bild einer Strokes-CD.

Dabei stand Adam Green einst für das Gegenteil der hochtourig vermarkteten Langeweile der Strokes. Green war der Anti-Held des so genannten Anti-Folk. Der begann als heterogene Bewegung, die meist mit akustischen Instrumenten vom Selbermachen erzählte und im East Village New Yorks seine Heimat fand. Rund um den Tompkins Square Park formierte sich eine Szene, die in Sound und Anmutung fast hippieske Züge trug.

Adam Green war zwar zu ironisch, um ganz in den Bann des Neo-Lagerfeuers zu geraten. Seine kurzen Songs und sein Bariton klangen zu sehr nach Lee Hazelwood. Nach Herrenschmuck, den er nie trug, und nach Koteletten, die er sich nie wachsen ließ. Green war lustig und smart, live auch mit körperlichen Folgen. Auf einem seiner ersten großen Europa-Konzerte, 2004 in der Berliner Volksbühne, sah man nicht nur eine erstklassige Band und einen sicheren Performer, sondern etwas, was man an ernstzunehmenden Konzerten schon lange nicht mehr gesehen hatte: Frauen, die ohnmächtig wurden. Das Foyer glich einem Lazarett.

"Minor Love" ist ein schönes Album ohne kammermusikalisches Country-Beiwerk aus der Streicherfraktion. Es ist ein Album, das die Extreme im Blick hat. Und nicht das Rückgrat, the Backbone, wie die Amerikaner das gewöhnliche, countryfizierte Land dazwischen nennen. Greens Album will zwei Dinge: Unterspanntes, ironisches, kühles New-York-Flair verströmen und dann doch den Ausbruch aus der Simulation des schönen Lebens wagen, die sich Manhatten nennt. Die Platte ist in diesem Sinn völlig unentschieden, sie dokumentiert eine Unsicherheit. Das aber ist mehr, als die meisten Platten dokumentieren.

"Minor Love" bringt zur Hälfte Greens bekannte und lässige Miniaturen zwischen Texas-Folk und Las-Vegas-Glamour zur Geltung, geträumt von einem schönen jüdischen Jüngling aus gutem Ost-Küsten-Haus. Erst die zweite Hälfte zeigt den gewachsenen Green. Einen Green, der sich aus den immer gleichen ironischen Umarmungen löst. Die Musik zieht gegen Westen, nach Kalifornien. Ins Land des Versprechens. "Don"t call Me Uncle" gehört zum Schönsten, was Green je gesungen hat. Nur ein paar Spuren Stimme und eine nah an der Melodie gezupfte Gitarre. Eine kleine Geschichte des Aufbruchs, Nicht-Wissens, Ankommens, Hoffens, Bangens. Es sind diese drei Minuten, die vielleicht bedeuten: Man muss auch mal rauskommen aus diesem New York. Aus dieser Rockgeschichte. Aus diesen Mythen von Stoffturnschuhen, Lederjacken und Röhrenjeans in gefährlichen Gegenden, als blondierte Frauen noch rauchten.

In New York, im Sidewalk Café, wo Adam Green als Künstler groß wurde, ist im Winter 2009 /2010 eh nichts mehr los. Die Portionen auf den Tellern sind mächtig, der Schnaps mickrig. Auf dem Weg zur Toilette kommt man an der Bühne vorbei und einem Schild, man solle nicht stehen bleiben, sondern bezahlen. Es ist mehr ein Hinterzimmer. Ein einsamer Mittvierziger singt von sozialer Sicherheit und spielt akustische Gitarre. Hinter ihm das Logo des Ladens: "Home of Anti-Folk". Was sich mal nicht definieren lassen wollte, wirbt nun um Touristen.

Ein paar Straßen weiter südlich steht ein junger langbeiniger Mann vor einem Schaufenster in der Mulberry Street. Er hat was von Joey Ramone, wäre dieser schön gewesen und nicht als jüdischer Junge mit schlechten Zähnen im Stadtteil Queens geboren. Der Unterschied zwischen 1978 und 2009: Der Schönling vor dem Schaufenster hat vermutlich eine Krankenversicherung. Ob er auch in ein Schweizer Internat ging wie Julian Casablancas?

Joey Ramone, 2001 gestorben, hängt derweil im Museum of Modern Art. Die MoMA-Ausstellung "Looking at Music - Side 2" hat gerade die Helden des New Yorker Punk und der New Wave geehrt. Plattenhüllen hingen wie Klassiker der Moderne an der Wand (was sie ja auch sind). "Marquee Moon" von Television, "Take me to the River" von den Talking Heads, "Horses" von Patti Smith. Die Videos von Bob Gruen zeigten chaotische Parodien auf TV-Shows, in denen die Musiker von Blondie mit dem Moderator kiffen. Und die Begleittexte erinnerten immer wieder daran, wie der experimentelle Geist mit den damals günstigeren Mieten zusammenhing.

In diesem Winter in New York kann ein langer Blick in die "Village Voice" schwindlig machen, in welchem Jahr man sich denn gerade befindet. Kein Tag ohne alte Punk-Heroen in hochkulturellen Rahmen. Devo spielen Abend für Abend ihre Alben für 74 Dollar nach (es sind kurze Alben). Sonic Youth und andere ließen sich gerade vom Kunst-Star Mike Kelley zu einem Best-of-New-York-Avantgarde "kuratieren". Es kann gut sein, dass auch Green und Casablancas die baldige Musealisierung droht. Casablancas arbeitet daran. Green schwingt sich immerhin schon mal in den Sattel und reitet weiter. Ob mit einer frischen Zigarette oder nur mit einem Grashalm im Mund, konnten wir nicht ermitteln.

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