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Man kennt es und kennt es doch nicht

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Von: Stefan Schickhaus

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Für das CD-Album „New Mozart“ hat Reinhard Goebel interessante Fake-Werke zusammengestellt

Einer der originellsten CD-Beiträge fürs Beethoven-Jahr 2020 stammte vom Dirigenten Reinhard Goebel und umfasste fünf Alben unter dem Reihentitel „Beethovens Welt“. Originell deswegen, weil – abgesehen von wenigen Minuten und fragmentarischen Takten – kein Beethoven-Werk dabei war. Vielmehr Musik aus Beethovens direktem Umfeld, aus seiner Welt eben.

Jetzt legt der Raritätenschürfer Goebel nach und hat eine CD mit „New Mozart“ bestückt. Fake-Mozart sozusagen – und wieder eröffnen sich spannende Einblicke, es ist eine klingende Musikgeschichtsstunde geworden. Zum einen haben wir hier ein Es-Dur-Violinkonzert, das eine Köchelverzeichnisnummer bekommen hat, nämlich die 268. Mozarts sechstes Violinkonzert, wer wollte nicht daran glauben? Schon wenige Jahre nach Mozarts Tod kamen Zweifel auf, ob da nicht der Wunsch nach noch mehr Mozart und die Wirklichkeit auseinanderklafften.

Beim Anhören der Einspielung jetzt mit der Solistin Mirijam Contzen und dem Mozarteumorchester Salzburg lässt sich sagen: Ja, irgendwie mozarthaft klingt es, aber von Mozart kann es nicht sein. Es ist ein typisches Solokonzert aus der Zeit um 1800, schön kantabel und vor allem auch ungemein ansprechend von Mirijam Contzen gespielt. Man darf beim Hören nicht den Fehler machen, nur nach formalen Mozart-Ähnlichkeiten zu suchen und dabei das Musizieren an sich auszublenden. Wäre jedenfalls schade.

Ein echtes Unikum

Das Album

Mozarteum Orchester/Goebel/Contzen: New Mozart. Sony Classical.

Zum anderen hat Reinhard Goebel den Mozarteum-Musikerinnen und -Musikern ein echtes Unikum auf die Pulte gelegt: Die berühmte große Bläserserenade „Gran Partita“ in einer Orchesterfassung aus dem Jahr 1800 von Franz Gleißner, einem bayerischen Militär- und Kirchenkomponisten sowie Mozart-Kenner. Damit lässt sich jeder Hörer vorzüglich irritieren: Man kennt es, und kennt es doch nicht.

Ein echter Gewinn ist diese Fassung zwar nicht, ein kurioses Zeitzeugnis aber allemal, und ein Grübelstück ebenso. Die am Gelungensten wirkenden Passagen sind die mit obligatem Bläsersatz, also die, die nahe am Original sind. Weil das Original einfach die beste Lösung bietet? Oder weil es lediglich vertraut klingt? Verliert die Gran Partita an Größe, weil die Besetzung vergrößert wurde?

Gerade der Adagio-Satz, das emotionale Zentrum der Serenade und einer der in seiner Schlichtheit umwerfendsten Sätze, die Mozart überhaupt komponiert hat, ist deutlich Bläser-dominant geblieben. Aufbau und Klangstruktur blieben also in ihrer Charakteristik erhalten.

So ganz überzeugt aber auch hier diese Weltersteinspielung nicht, denn Dirigent Goebel lässt die Vorhaltsnoten irritierend kurz spielen und schlägt ein fast schon gehetzt wirkendes Tempo an. Ein Temposünder war Reinhard Goebel früher ja gerne, als er noch Barockgeiger war und seine legendäre Alte-Musik-Truppe Musica Antiqua Köln zu manch genialischem Höllenritt anfeuerte. Da schüttelte er Alten Meistern den Staub aus dem Pelz – dem Mozart-Adagio allerdings tut die Rüttelkur nicht gut.

Vorbildlich bei dieser Produktion ist wieder der Booklet-Text, spannende Lektüre wie schon bei „Beethovens Welt“.

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