Alte Oper

Malen nach Noten

  • schließen

Klassiker der neuen Musik und ein Stück Gegenwart mit dem Ensemble Modern.

Der zweite Abend der Legende von Hollywood und Exodus, die das Fokus-Projekt der Alten Oper an diesem Wochenende erzählen wollte, präsentierte das normale Abonnementskonzert des Ensemble Modern, das mit kammermusikalischen Klassikern der frühen Moderne und einem Werk von 2014 aufwartete.

Hollywood und Exodus blieben außen vor, nur das Thema Film und Musik tauchte in zwei Fällen auf. Eigentlich nur in einem, denn Arnold Schönbergs „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“ von 1929 gibt lediglich drei assoziative Hinweise „Drohende Gefahr, Angst, Katastrophe“. Das Werk ohne Film also selber eine Projektionsfläche? Die schien, wie die Aufführung im Mozart Saal zeigte, zu autosuggestiver Audiovisualität mit zielführender Tendenz nicht recht zu taugen.

Filmmusikalisch konstruktiv geworden ist dagegen die 1956 geborene Iris ter Schiphorst, die „The Fall of the House of Usher“, einen surrealistischen Stummfilm Melville Webbers und J.S. Watsons Jr. von 1928, in klassischer Manier unter- bzw. übermalt hat. Die unterschiedlichen Gesten und Aggregatzustände ihrer Musik waren ein Attraktor, der dem traumatisch stilisierten Setting des Bildes Mehrdimensionalität bescherte. Exzellent agierte das Ensemble Modern unter Stefan Asbury, einem so beherrschenden wie locker die Fäden in der Hand haltenden Leiter. Das Besondere der ter Schiphorstschen Partitur ist ein Solopart, den der EM-Trompeter Sava Stoianov brillant bestritt. So etwas wie die galvanisierte Stimme des alptraumhaften Plots.

Begonnen hatte der Abend mit einem kurzfristig ins Programm aufgenommenen Titel, der dem Gedenken des jüngst verstorbenen Komponisten und Dirigenten Hans Zender galt. Zwei Haikai aus „Lo-SHU VI“ erinnerten an den subtilen Tonmodulierer und Stimm-Kalligraphen, der seine Klanginspiration oft aus dem asiatischen Kulturraum bezog. Anton Weberns vollkommene Selbstbezüglichkeit im Konzert op. 24, Franz Schrekers Jugendstilsensualismus in „Der Wind“ (1909) und Quartett-Fragmente des schon todkranken Alexander Zemlinsky von 1938/39 waren gewissermaßen Rückversicherungsgesten der Neuen Musik, der das Ensemble Modern verschrieben ist.

Am Anfang das Ende ahnen

Als Schlusspunkt und dickster Brocken wurde Schönbergs Kammersinfonie op. 9 von 1906 gegeben, jener Leuchtturm des Aufbruchs zu neuen Ufern der Töne-Ordnung. In der engen, stumpfen Akustik des Mozart Saals war der expressive Aufbruchsschwung allerdings mit viel bruitistischer Kargheit und ratternder Wucht versehen. Er ließ unfreiwillig schon das Ende des Anfangs in Mechanik und konstruktivistischer Bastelei erahnen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion