FKA twigs.

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„Magdalene“ von FKA twigs: Nicht zuerst der Schmerz...

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Eine Manifestation des weiblichen Selbstbewusstseins: FKA twigs und ihr neues Album „Magdalene“.

Vor fünf Jahren, als die in London lebende und als FKA twigs firmierende Musikerin Tahliah Barnett ihr Debütalbum „LP1“ herausgebracht hat, ist sie allüberall als die Schöpferin einer neuen Ästhetik im zeitgenössischen R&B gefeiert worden. In der Zwischenzeit hat sie eine schwere Erkrankung überstanden und die Trennung von dem Schauspieler Robert Pattinson hinter sich gebracht. Präsent sind die Traumata zwar auf „Magdalene“, ihrem neuen Album. Eine Zeile in dem Song „Daybed“ lautet: „Aching is my laughter“ – der Schmerz ist mein Lachen. In Interviews jedoch hat FKA twigs nachdrücklich klargestellt, dass es ihr nicht zuerst um den Schmerz gehe, sondern vielmehr um eine Manifestation des weiblichen Selbstbewusstseins.

Die Erneuerin des R&B? Das kann man so sehen oder auch nicht, je nachdem wie weit man diesen Begriff fasst, was uns nicht weiter kümmern soll. Nur soviel: Die 31-jährige Britin mit jamaikanisch-spanischen Wurzeln steht mit ihrem konzeptionellen Ansatz von eigenem Recht einer Björk weitaus näher als dem, was man als R&B im Radio zu hören bekommt. Musikalisch ist die Beziehung zu diesem Genre eine, sagen wir: spurenelementhafte. Eine ausgeprägtere Verwandtschaft weisen lediglich zwei der neun Songs auf, das von einem Autotune-Rap-Gastauftritt des Trapmusikers Future geprägte „Holly Terrain“ und das dunkel grundierte „Fallen Alien“.

In einer faszinierenden Weise bringt diese Musik der Schichtungen vermeintliche Widersetzlichkeiten überein. Im einen Moment noch wirkt sie dicht und im nächsten schon karg. Einesteils erscheint diese Klangwelt hermetisch, manches gar spielt sich irgendwo ganz weit hinten in einer dumpfen räumlichen Tiefe zwischen den Lautsprechern ab.

FKA Twigs: Magdalene. Young Turks/Beggars Group/Indigo.

Zugleich spricht die mitunter chorisch aufgefächerte Stimme aus den synthetischen Klanggespinsten mit ihrem zumeist zähflüssig schleppenden Tempo heraus derart direkt zu einem, wie man das sonst in erster Linie mit dem klampfigen Singer/Songwritertum zusammenbringt. „Wohnzimmer“ wie auch „Kathedrale“ sind die klangräumlichen Assoziationen.

Schillernd ist der rollenhafte Umgang mit den Haltungen der glockenhellen Sopranstimme, die sich immer wieder in höchste Höhen schraubt. Das reicht bei FKA twigs vom Anklang an das romantische Klavierlied bis zu einer verhalten wutgetriebenen Expressivität.

„If I walk out through the door it starts our last goodbye/If you don’t pull me back it wakes a thousand eyes“: Diese Zeilen werden in „Thousand Eyes“ wiederholt und wiederholt, einem Choral aus der Barockzeit gleich – ein charakteristisches Stilmittel auf diesem Album. Angesichts des Geklöppels zu Beginn des Songs „Maria Magdalena“ fühlt man sich für einen Moment an eine New-Age-Musik erinnert. Die Beschäftigung mit der neutestamentarischen weiblichen Protagonistin ist ebenfalls feministisch motiviert. Bei dem schon erwähnten „Mirrored Heart“ handelt es sich um eine flehentlich seelenvolle Ballade mit einer Nähe zum Soul.

Produziert worden ist dieser grandiose Wurf von FKA twigs selber, mit Unterstützung von unter anderem Nicolas Jaar, Daniel Lopatin, Ethan P. Flynn und Skrillex. Die Fäden hat die Musikerin – Stichwort weibliches Selbstbewusstsein – jedoch offenkundig die ganze Zeit über selbst in der Hand behalten, denn die Duftmarken der hoch gehandelten Produzentenriege ändern nichts an einem geschlossenen Werkcharakter.

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