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Katharina stellt Wagneraufführungen ins Internet und überträgt Inszenierungen fürs Public Viewing. Und dann ist sie in der Lage "Madame Butterfly" als Parodie zu inszenieren.

Regietheater-Parodie "Madama Butterfly"

Männer sind so mies und brutal

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Katharina Wagner liefert am Staatstheater Mainz eine Regietheater-Parodie auf "Madama Butterfly" ab: Männer sind brutale Schlappschwänze, Frauen Träumerinnen, alle Marionetten. Von Judith von Sternburg

Zuerst treten Staatstheater-Intendant Matthias Fontheim und Katharina Wagners Mitarbeiter Alexander Busche vor den Vorhang und teilen mit, dass die Regisseurin nicht kommen konnte. Während es von der Galerie schon höhnt, erklärt Busche, sie hätte gerne jede Art von Reaktionen selbst entgegengenommen. Ihr Vater Wolfgang Wagner (90) sei jedoch an Lungenentzündung erkrankt und die Tochter nach der Generalprobe nach Bayreuth geeilt. So erinnerte das menschliche Schicksal an sich, freilich zum letzten Mal an diesem Abend.

Zum Vorspiel von Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" sieht man die Herren Pinkerton und Sharpless zwischen hohen weißen Boxen herumirren (Bühne: Monika Gora). Kreiselnd erweisen diese sich als Peepshow-Kabinen für Personal von der sexy Krankenschwester bis zur Riesenbusen-Catwoman (Kostüme: Thomas Kaiser). Eine Box speit den Heiratsvermittler Goro aus, den Wagner als asiatisch aufgemotzten Strippenzieher zu einer Hauptfigur hochjazzt und den Alexander Kröner so prägnant singt wie spielt. Auf sein Geheiß grapscht Pinkerton Busen, wenn auch nicht den von Cio-Cio San. Diese wartet in einem Wallekleid in Burkha-Blau und mit Gesichtsschleier gleichfalls in einer Box.

Von der Musik ist das sofort so losgelöst, dass man sie schier vergessen kann. Bis Sergio Blazquez (Pinkerton) singt und klar wird, dass sich mit seiner engwirkenden, wie eingefangenen Stimme ein Totalausfall anbahnt. Seine Hilflosigkeit als Darsteller kommt der Regisseurin, die ihn als reinen Tropf zeichnet, eher zupass. Wenn er aber im Schlussduett von Akt 1 - welches dank Abbie Furmansky zu Recht auf bessere Zeiten nach der Pause hoffen lässt - verlegen an Butterflys Kleid zuppelt, gerät die Kombination aus Optik und Akustik zur Provinzposse. Schließlich überreicht Pinkerton ihr eine kleine rote Box. Sie schläft ein, er macht sich davon.

Wer sich süffisant fragt, woher unter diesen Umständen ein Kind kommen soll, stellt in Akt 2 fest, dass bloß die kleine rote Box gehätschelt wird. Die weißen Boxen türmen sich nun, neongrün beleuchtet. Ein Pinkerton-Double mordet dort, schmiert mit Blut und hantiert mit Busen/Beinen. Vorne streuen Butterfly und Suzuki keine Blüten (hundertmal gesehen), sondern schreiben Love und Peace an die Wände (hundertmal gesehen). Furmansky und Patricia Roach sind allerdings ein melancholisches Paar und mit sängerisch schöner Durchschlagskraft der Trumpf des Abends.

Akt 3 lässt die Männer ausführlich Stoffstreifen aus einem Zelt ziehen, in dem sich Butterfly verbirgt. Die Streifen sind wie blaues Gedärm. Die Männer haben tüchtig zu tun. Pinkertons neue Frau ist ein zweiter Goro. Sie/Er nimmt der ausgeweideten Cio-Cio San die kleine rote Box weg und macht sie kaputt. Wie gemein.

Es geht nicht nur darum, dass man nicht die Übertitel lesen darf. Es geht vor allem darum, dass die "neue" Geschichte, die Wagner erzählt - Männer sind brutale Schlappschwänze, Frauen Träumerinnen, alle Marionetten - , heillos banal ist. Dirigentin Catherine Rückwardt macht das mit dem Orchester erschütternd deutlich. Zum Alles-oder-Nichts aus dem Graben wird eine Regietheater-Parodie geboten.

Wer "Butterfly" doof findet oder wem ein Selbstmord weniger aussagekräftig erscheint als das läppische Wegschnicken eines kleinen Gesichtsschleiers (im Zuge von Cio-Cio Sans "Desillusionierung"), mag dieser Kopfgeburt etwas abgewinnen. Einer Kopfgeburt, deren visuelles Ergebnis auf Lächerlichkeit offenbar nicht überprüft worden ist. Natürlich betont das Grobschlächtige, wie subtil Puccinis Librettisten vorgingen. Das Publikum nahm es in weiten Teilen mit der Gelassenheit, die Regisseuren mehr zu denken geben sollte als Randale.

Staatstheater Mainz, Großes Haus:20., 31. Januar, 28. Februar. www.staatstheater-mainz.de

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