Mike Scott ist wohl ziemlich verliebt.
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Mike Scott ist wohl ziemlich verliebt.

CD-Besprechung

Männer, die lieben und solche, die boxen

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Neue Alben von Waterboy Mike Scott, Jake Bugg und Van Morrison, der gerade sein 37. Studioalbum veröffentlicht hat.

In seinem zweiten Frühling. Mike Scott muss ungeheuer verliebt sein: Ein Doppelalbum mit 23 Songs, davon mehr als die Hälfte Liebeslieder – die Ideen müssen dem einzigen permanenten Waterboys-Mitglied nur so zugeflogen sein, seit er mit der japanischen Künstlerin Megumi Igarashi aka Rokudenashiko verheiratet ist. Sogar ihren Anwalt – sie war wegen Pornographie angeklagt – besingt er auf „Out of All This Blue“ enthusiastisch als „hart, aber fair“ („Yamaben“).

Da hilft nur weiterklicken. Oder gar nicht erst runterladen. Aber Mike Scott, der seit Jahren höchst Wandelbare, ist auf diesem Album auch ein sympathischer Verschwender, ein verspielter Stilemischer – vom typischen Waterboys-Folk-Rock bis zu Funk und Hip-Hop -, ein origineller Texter und entschlossen-ausdrucksvoller Sänger sowieso. „If I Was Your Boyfriend“ ist ein drollig ironisches Anpreisen der eigenen Fähigkeiten, „Morning Came Too Soon“ eine Hymne auf eine unvergessliche gemeinsame Nacht, „The Elegant Companion“ eine rührende Ode an die Geliebte.

Und dann gibt es etwas wie „The Girl in the Window Chair“, in dem ein Mädchen darüber sinniert, dass sie diesem Typen, der so weinerliche, selbstverliebte Lieder schreibt, gerade noch rechtzeitig entkommen ist. Ungewiss, ob Mike Scott damit sich selbst meint. Aber nie war er jedenfalls weniger weinerlich als mit „Out of All This Blue“. Nächstes Mal darf ihm trotzdem jemand beim Aussortieren helfen.

Nicht mal mehr im ersten Frühling. Während Mike Scott, Jahrgang 1958, vor allem darin verlässlich ist, musikalisch unberechenbar zu bleiben, ist das einstige Wunderkind Jake Bugg mit 23 nicht nur beim bereits vierten Studioalbum angelangt – „Hearts That Strain“ klingt auch seltsam abgeklärt, abgehangen, durchweg geschmeidig, fast glatt. Professionell und solide, gewiss, aber kein krauser, widerspenstiger Ton traut sich in diesen melodiösen Balladen aufzumucken. Man kann das bemerkenswert selbstgewiss nennen und davon sprechen, dass sich da ein junger Musiker früh gefunden hat (diesmal produzierten David Ferguson und Matt Sweeney, große alte Nashville-Musiker wirkten im Studio mit).

Aber Jake Bugg, der junge Mann aus Nottingham, scheint doch inzwischen arg bruchlos die Rolle des hingebungsvoll näselnden Melancholikers zu spielen. Ist er das wirklich?, möchte man fragen. Oder ist er ein ungeheuer begabter Imitator des guten alten Singer-/Songwritertums? Die elf wohlklingenden Titel von „Hearts That Strain“ sind jedenfalls nach gefühlt 20, tatsächlich 36 Minuten schon wieder vorbei. Da merkt man, dass die Gedanken indessen woanders hin gewandert sind.

Frühling? Welcher Frühling? Der Nordire Van Morrison hat in diesen Tagen sein – Achtung! – 37. Studioalbum veröffentlicht, bei dieser engen Taktung kann er sich keine Flausen im Kopf leisten. Er macht einfach seinen Job – und das auch mit 72 Jahren noch mit diesem gewissen seelenvollen, zugleich muskulösen Röhren. Er ist zweifellos gut bei Stimme. Gleich zehn Klassiker des Rhythm and Blues packt Van Morrison auf „Roll With the Punches“ mit fünf eigenen Songs zusammen.

„Roll With the Punches“ zum Beispiel, der Titel-Track, ist eine rohe Hymne aufs Einstecken und Austeilen, vielleicht ja auch aufs rechtzeitige Sich-Ducken. Eins habe ich in all diesen Jahren gelernt, singt, nein gurgelt Morrison dort aus der Tiefe, du ersparst dir eine Menge Tränen, wenn du die Dinge nimmst, wie sie sind. In „Teardrops From My Eyes“ schlendert er los, aber der kehlige Nachdruck ist nur um die Ecke.

Der „Automobile Blues“ von Lightnin‘ Hopkins rollt und stampft wie eine kräftige Dampflok. T-Bone Walkers „Mean Old World“ klingt weltweise. Die Sache mit dem Blues hat Van Morrison aus Anlass dieses Albums so erklärt: Du analysierst ihn nicht, du tust es einfach. Das scheint jedenfalls zu funktionieren, wenn man das Herz eines Boxers und Bluesers hat, der sowohl tänzeln als auch zuschlagen kann.

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