Musik

Mächtige Dressuren

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Das HR-Sinfonieorchester spielt Berg, Mozart und Schönberg.

Auch die musikalische Avantgarde hat ihre Schlachtrösser, die allerdings im Gegensatz zu denen der Romantik meist im Stall stehen müssen. Im Sinfoniekonzert des Hessischen Rundfunks in der Alten Oper hatten jetzt zwei neutönerische Exemplare Auslauf und zeigten sich in ihrer ungewohnten und doch fesselnden Gestalt, die von eigentümlich disparater und schwergängiger Form ist. Wobei schwergängig hier auch heißt: schwer eingängig; und disparat: undurchsehbar vielgestaltig.

Mit Alban Bergs „Drei Orchesterstücke op. 6“ begann der Abend unter Leitung David Afkhams, der 1983 in Freiburg geboren wurde und seit fünf Jahren Chefdirigent des spanischen Nationalorchesters ist. Ihm kam die undankbare Aufgabe zu, die überkomplexen, auf kleinstem Raum bei größter Orchesterstimmenzahl sich abspielenden Klangbewegungen, die der knapp 30-jährige Komponist zwischen 1913 und 1915 schuf, in eine Fasson zu bringen, die halbwegs nachvollziehbar ist. Denn das knapp 20-minütige Werk ist ein Paradebeispiel für den Umschlag von satz-interner Verdichtung in die Beliebigkeit quellender Schallturbulenz, die sich genauso gut aleatorischer Strategien verdanken könnte. Afkham hatte weniger die Suche und Herausstellung von griffigen Klangfiguren und Idiomen im Sinn als vielmehr die Schärfe und bodenlose Differenzierung des bis in kleinste Motivkristalle aber auch brachial dreinfahrende Vergrößerungen gehenden Satzgefüges. Im Gegensatz zu Darstellungen, wo die Satzbezeichnungen „Reigen“ und „Marsch“ zielführend sind und sich ohrenfällig legitimieren.

Fabelhafte Wucht

Nach dem Auftakt, der mit einem Donnerschlag erster Klasse endete, musste man sich für Wolfgang Amadeus Mozarts d-Moll-Klavierkonzert KV 466 erst wieder sammeln; trotz allem Abstand, den hier Mozart zu seiner sonstigen Munterkeit hält. Im Gegensatz zu den forcierteren Stellungnahmen, die der Dirigent dem Orchester-Tutti abverlangte, verblieb der Solist, der mittlerweile 70-jährige Emanuel Ax, in einer entspannteren, abgerundeteren und leicht abperlenden Spielhaltung.

Danach der zweite Brocken des Abends: Arnold Schönbergs sinfonische Dichtung nach „Pelléas et Mélisande“ des belgischen Dramatikers und Symbolisten Maurice Maeterlinck. Ein Werk, das durch Claude Debussy zu einer der zentralen Opern des 20. Jahrhunderts geworden ist. Auch im Vergleich mit den orchestralen „Pelléas“-Deutungen von Gabriel Fauré und Jean Sibelius bietet Schönbergs Kreation von 1903 das gewaltigste Format: ein adipöser Mutant aus Richard Straussischen und Richard Wagnerischen Herkünften in brahmsisch sich entwickelnder Variation.

Bei allem viel instrumentalfarblicher, dramatischer Zauber, der der Handlung minutiös folgt. Und mit einer expressiven Geschwollenheit, ja Klobigkeit, bei der das fabelhaft spielende Riesenorchester der Radio-Sinfoniker gleich einem reich geschmückten Streitross durch seinen brillanten Dompteur zu mächtigen Dressurakten angehalten wurde.

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