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Musikalische Geheimagentin mit wechselnden Identitäten: Madonna als „Madame X“.

Neues Album

Mit Madonna um die ganze Welt

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Das neue Album „Madame X“ der größten unter den Pop-Diven: Von allem etwas, von manchem etwas zu viel, aber echt Madonna.

Madonna hatte vermutlich auch schon mal mehr Spaß im Leben. Damals, als alle Mädchen, mit denen wir ausgingen, „Like a Virgin“ aussehen wollten, touched for the very first time. Oder als alle Mädchen etwas später ihren Papas vorsangen, er solle ihnen keine Predigt halten, sie hätten schon genug Probleme und würden ihr Baby trotzdem kriegen.

Oder als alle Mädchen, mit denen wir ausgingen, plötzlich „Material Girls“ waren und Juwelen wollten. So wie Madonna eben. Oder als alle Mädchen, mit denen auszugehen wir längst zu alt waren, auf Schulfesten rührende „Like a Prayer“-Choreografien aufs Parkett hauten. Oder als es noch kein elektronisches „Autotune“-Stimmenverschönerungscomputerprogramm brauchte, um die Tonlagen von Sängerinnen ins Harmonische zu modulieren.

14. Album von Madonna

Vergangene Epochen, Divenwerdung einer Legende. Die Gegenwart aber ist nicht gerade eine glücklich gewählte Zeit für Madonna Louise Ciccone, 60, um ein neues Album auf die Welt zu bringen, ihren vierzehnten im Studio aufgenommenen Langspieler. Gerade erst hat man sie ausgelacht, weil sie als Stargast beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv gesanglich ein kleines bisschen daneben lag, na gut, ein kleines bisschen zu viel daneben, und hernach auf Youtube eine Version des Auftritts veröffentlichte, die wundersamerweise besser klang als live.

Auch ihr Kostüm samt Augenklappe wurde als leicht überkomplex bewertet. Es war doch gut gemeint, es war eine Geste, eine Friedensbotschaft, die Göttin des Pop aus Amerika beim komischen europäischen Rumgehopse, es sollte ein Triumph werden, es wurde ein Reinfall. Und nun diese Woche, am Tag vor Erscheinen des neuen Albums: Die Tickets für Madonnas Nordamerika-Tournee verkaufen sich nicht wie üblich in Sekunden. Das Internet zerreißt sich das Maul.

Madonna: Madame X. Boy Toy/ Live Nation/ Interscope Records.

Hat Madonna das verdient? Natürlich nicht. Und um ins reale Leben zurückzukehren: Natürlich rauscht „Madame X“, das Album, schon am frühen Freitagmorgen seines Erscheinens unter die Top Ten der Verkäufe, noch ehe die geneigte Hörerschaft raus aus den Federn ist.

Hat „Madame X“ das verdient? Die einen sagen so, die anderen so.

Madonnas „Madame X“: Fantastisch produziertes Album

Selbstverständlich ist das Album wieder fantastisch produziert in verschiedenen Teilen der Welt, Lissabon, London, New York, Los Angeles, mehrsprachig gesungen, und selbstverständlich klingt es gut und abwechslungsreich, selbstverständlich wird es das Radio, das Internet in den nächsten Wochen dominieren. Das Szenario: Madame X ist eine Geheimagentin, die um die Welt reist, ihre Identität wechselt, für Freiheit kämpft, Licht ins Dunkel bringt. Mal ist sie Cha-Cha-Lehrerin, mal Staatenlenkerin, mal Haushälterin, mal Pferdesportlerin, Studentin, Lehrerin, Nonne, Heilige, Prostituierte. Wie man Madonna halt kennt. Dazu Fotos im CD-Booklet, die sie überwiegend nicht gerade als Heilige zeigen. Wie gesagt.

Das Werk hat einen starken weltmusikalischen Einschlag, es geht afrikanisch zu, portugiesisch, karibisch, südamerikanisch. Den Album-Opener „Medellin“, auch erste Single-Auskoppelung, singt der kolumbianische Latin-Star Maluma mit. Ebenfalls beim ersten Lied und beim ersten Ton (nach dem Flüstern) zur Stelle: ja, das Autotune-Stimmenverschönerungscomputerprogramm, das die Tonlage der Sängerin ins Harmonische moduliert, überdeutlich hörbar.

Der seltsame Studioeffekt, man könnte sagen: der nervige Studioeffekt wird die Songs auf dem gesamten Album nicht mehr verlassen. In den 1990er Jahren erfunden, schien er Musikern zunächst eine leicht spinnerte Jux-Erfindung zu sein. Zum Entsetzen der Musiker blieb dieser Jux dem Pop-, Dance-, Techno-Genre erhalten als Stilmittel. Dass sich Madonna seiner so ausführlich bedient, ihm 2015 gar ein Lied widmete („Autotune Baby“ mit tonhöhenmoduliertem Säuglingsgejammer) und den Effekt nun offenbar auch zur Nachbearbeitung des ESC-Videos verwendete: rätselhaft.

Madonna war schon immer jünger als sie war

Andererseits: Madonna war ja schon immer jünger als sie war, gewissermaßen. Das hüpfende Mädchen in „Holiday“ war sie mit 25, „Like a Virgin“ war sie mit 26. Alle ihre späteren Platten griffen Strömungen jüngerer Künstlerinnen und Künstler auf, mitunter belächelt, nur selten peinlich. Das ist kein Musikverbrechen, im Gegenteil. Wir dürfen Madonna nicht Unrecht tun. Soll sie sich selbst reproduzieren bis zur hundertsten Wiederholung von „La Isla Bonita“? Herr, bewahre.

Apropos Herr: Track Nummer 3 von 15 auf „Madame X“, das Stück heißt „God Control“, enthält einen schönen Verweis auf das unsterbliche „Vogue“ (1990), samt kurzer Rap-Einlage. Und wenn wir fürs nächste Album einen Wunsch freihätten: So etwas wie „White Heat“ (1986), einer der aufregendsten, aber meistverkannten Madonna-Songs mit einem Intro aus dem gleichnamigen Gangsterfilm mit James Cagney – so etwas wäre toll. Bis dahin kann man sich ins aktuelle Autogetunte durchaus reinhören, vieles wächst ja erst mit der Zeit ins Ohr, bis zum Mut machenden Durchhaltesong „I Rise“ am End: „Zusammen kriegen wir’s hin.“

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