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Seiner Zurückhaltung folgt kein Mangel an Expressivität: Maciej Obara.

Musik

Maciej Obara Quartett, „Three Crowns“: Von der Komplexität des alten Stils

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„Three Crowns“: Maciej Obaras Quartett und seine Musik.

Das Einfache ist nicht immer leicht zu machen, besonders, wenn es seine Ursprünge in etwas Kompliziertem hat – um mal mit einem sehr allgemeinen Satz zu beginnen. Er bezieht sich auf Entwicklungen in der zeitgenössischen Musik; einer der Pioniere auf dem Weg vom Komplizierten zum Einfachen war hier der 2010 verstorbene Komponist Henryk Mikolay Górecki. Er wurde zur polnischen Avantgarde gezählt, arbeitete in Paris mit Messiaen, Boulez und Stockhausen und schrieb 1963 die volksliedhaften „Trzy tance w dawnym stylu“, Drei Stücke im alten Stil (ohne Opuszahl). In den neunziger Jahren gelang ihm übrigens, was sonst keinem Komponisten des 20. Jahrhunderts gelungen ist: ein weltweiter Nummer-Eins-Hit mit seiner dritten Symphonie.

Ein anderer polnischer Musiker, der zwischen Einfachheit und Komplexität keine Unterschiede, allenfalls Entwicklungsschritte macht, ist der Saxofonist und Komponist Maciej Obara. Mit seinem aktuellen Quartett hat er unter anderem zwei Stücke von Górecki – das erste der drei Stücke im alten Stil sowie das „Kleine Requiem für ein polnisches Mädchen“ – eingespielt, in einem für das Quartett modifizierten Arrangement, weitgehend notengetreu und mit einer Art unterirdischer Glut, die sich vor allem in den Phrasierungen und Artikulationsweisen des Altsaxophons mitteilt.

Wenn man Obaras hervorstechende Charakteristik als Altsaxophonist analog zur menschlichen Stimme kategorisieren wollte, wäre der Begriff „lyrisch“ die erste Wahl. In der Dynamik übt er Zurückhaltung, ohne dass man einen Mangel an Expressivität konstatieren müsste.

Das Album

Maciej Obara Quartett: Three Crowns. ECM / Universal.

Seine Tonbildung meidet nicht experimentelle Klangfarben, aber er feiert auch nicht heisere Oberton- oder Subtone-Artikulationen, sondern deutet vieles an als Möglichkeiten am Rande seiner enorm beweglichen Phrasierungen. Immer bleibt er vor allem an der Formulierung melodischer Zusammenhänge orientiert. Seine individuelle Vielschichtigkeit spiegelt sich in den multiplen und dichten Klangschichtungen, zu denen sein Quartett in der Lage ist.

Maciej Obaras Quartett hat im Mai 2019 den BMW Welt Jazz Award erhalten, die Jury war beeindruckt von „von der enormen Amplitude der Emotion, der Dynamik und Ausdrucksmöglichkeiten (...). Ebenso faszinierte die Schwerelosigkeit seines Tons, die Kraft seiner Kompositionen und die Spontaneität seiner von filigraner Lyrik bis entfesselter Power reichenden Bandimprovisationen.“

Die „Three Crowns“ bestätigen diese Beschreibung. Mit dem polnischen Pianisten Dominik Wanja und den Norwegern Ole Morton Vågan (Bass) und Gard Nilssen, Schlagzeug, hat Obara eine Band versammelt, bei der kammermusikalische Disziplin, lyrische Feinarbeit und eine zuweilen weit hinaus treibende, impulsive Extravertiertheit sich zu einem überaus geglückten Gruppenkonzept ergänzen, bei dem sich notierte und improvisierte Anteile eng miteinander verschränken.

Einige von Obaras und Góreckis Kompositionen sind auch Hommagen, Verneigungen und Gedenkstücken, die die Musik mit melancholischen Haltungen und Gedanken einfärben. Die beiden längsten Stücke sind Obaras Vater („Blue Skies for Andy“) und dem 2018 verstorbenen polnischen Trompeter und Komponisten Tomasz Stanko („Mr. S“) gewidmet. Das Titelstück „Three Crowns“ hat seinen Namen von drei Kalksteinfelsen (Trzy Korony) im Pieninengebirge im südöstlichen Polen. An diesen Gedanken ist nichts nur einfach.

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