Patronengürtel, Black-Panther-Barrett: Beyoncé beim Super Bowl.
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Patronengürtel, Black-Panther-Barrett: Beyoncé beim Super Bowl.

Pop

Die Macht der Machtlosen

  • vonJens Balzer
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Eine Botschaft und ihr Soundtrack: Einige Überlegungen über das Popjahr 2016 anhand zweier Schlüsselmomente - einem Auftritt von Beyoncé und einem von Kendrick Lamar.

Reden wir ausnahmsweise nicht über die Toten, sondern über jene, die noch am Leben sind. Dann werden, wenn wir über Popmusik reden, vom vergangenen Jahr vor allem zwei Momente in Erinnerung bleiben.

Im Februar tritt Beyoncé Knowles im Levi’s Stadium in Santa Clara auf, in der Halbzeitpause des Super Bowl. Von allen im Fernsehen übertragenen Pop-Shows hat diese die höchsten Einschaltquoten, hier sind nur die größten Stars zu erleben und die schönsten Skandale. 2004 platzte beispielsweise Janet Jackson der Büstenhalter und gab zum Entsetzen der gesamten Nation den Blick auf eine gepiercte Brustwarze frei („Nipplegate“). Und womit schockiert Beyoncé die Zuschauer? Sie führt ein neues Stück namens „Formation“ auf und tanzt dazu einen Formationstanz. Sie trägt ein schwarzes Lederoutfit mit einer goldenen Applikation, die an einen Patronengürtel erinnert, und lässt sich von Tänzerinnen mit schwarzen Baretten auf den Köpfen begleiten, eine Hommage an die Black-Panther-Bewegung der Sechziger. Am Ende der Choreografie bilden sie alle ein an Malcolm X erinnerndes X.

So verwandelt sich die politisch bis dahin bestenfalls oberflächlich engagierte Luxus-R’n’B-Diva vor den Augen der gesamten Nation in eine zornige Frau, die sich mit den Zeichen der afroamerikanischen Militanz schmückt; mit Zeichen, die – historisch betrachtet – nichts anderes sagen als: Wir werden uns gegen euren Rassismus wehren, by any means necessary. „Formation“ handelt von der wieder eskalierenden rassistischen Gewalt in den USA, vom Polizistenmord an einem schwarzen Jugendlichen in Ferguson und der erstarkenden Black-Lives-Matter-Bewegung; im zeitgleich veröffentlichten Videoclip halten schwarze Jugendliche die Parole „Stop Shooting Us“ in die Kamera, während Beyoncé auf einem in einem Fluss versinkenden Polizeiauto triumphiert.

So wird die erfolgreichste US-amerikanische Popkünstlerin mit diesem Auftritt zur Identifikationsfigur des neuen Civil Rights Movement und zur Lieblings-Hassfigur der Konservativen von Rudolph Giuliani bis Donald Trump. Dabei wirkt es so, als sei ein Schleier von ihr gefallen, von ihrer Person und ihrer Musik – als habe der weiße Mainstream zum ersten Mal ihre Hautfarbe entdeckt: „The day Beyoncé turned black“ heißt denn auch ein Sketch, in dem die „Saturday Night Live“-Autoren die Geschehnisse auf den Punkt bringen.

Beyoncé ist das prominenteste, aber keineswegs einzige Beispiel für die erstaunliche Politisierung der Popmusik im vergangenen Jahr. Die Rapperin M.I.A. veröffentlicht mit „Borders“ das klügste und eindrücklichste Stück zu den globalen Krisen von Flucht und Vertreibung; die Rap Crew A Tribe Called Quest erschafft mit „We the People“ eine Hymne für alle, die vom weißen Mainstream ausgegrenzt und unsichtbar gemacht werden sollen; die Transgender-Bardin Anohni singt zu verwirrend eingängigen Elektropopklängen über den Drohnenkrieg der USA und die Verfehlungen von Barack Obama; und Beyoncés Schwester Solange Knowles bringt im Herbst mit „A Seat at the Table“ das schönste und zarteste Album des Jahres heraus, das die Verzweiflung über den politischen Backlash beschreibt und das trotzige Aufbegehren dagegen beschwört: Es kann doch nicht sein, dass wir den Kräften der Reaktion den Sieg ein für allemal überlassen.

In gewisser Weise hat die Verdüsterung der Verhältnisse die Popmusik zwangsweise politisiert. Jedenfalls gibt es so viel engagierte Musik wie schon lange nicht mehr, die überdies nicht nur im Underground bleibt, sondern ein Mainstream-Publikum erreicht. Und die dabei, das ist die andere Seite der Dialektik von 2016, zugleich so erfolglos ist wie nie: Am Ende des Jahres haben sich trotz allen emanzipatorischen Engagements die Verhältnisse weltweit nach rechts verschoben. Nicht nur im Weißen Haus regiert nun der unverhohlene Rassismus und Sexismus. In ihrem politischsten Jahr seit langem hat die Popmusik sich als politisch komplett wirkungslos erwiesen.

Was uns zu dem zweiten denkwürdigen Pop-Moment 2016 bringt. Anderthalb Wochen nach dem Super Bowl werden in Los Angeles die Grammys verliehen, als bestes Rap-Album wird völlig zu Recht „To Pimp A Butterfly“ von Kendrick Lamar prämiert. Im Showteil der Zeremonie spielt Lamar zwei Stücke davon, „The Blacker the Berry“ und „Alright“. In Sträflingskleidung tritt er mit seinen Mitmusikern in einer Chain Gang vor die mehrheitlich weißen Funktionäre der amerikanischen Kulturindustrie und rappt ihnen als erstes ins Gesicht: „Ich weiß, dass ihr mich und meine Rasse hasst / und dass ihr uns auslöschen wollt“ – woraufhin Barack Obama sogleich aus dem Weißen Haus ein herzliches „Shout out to Kendrick Lamar“ twittert.

Das heißt, der US-amerikanische Präsident stellt sich an die Seite des erfolgreichsten US-amerikanischen Rappers, der glaubt, dass die Nation, die dieser Präsident acht Jahre regierte, sie beide hasst und in Wirklichkeit auslöschen will. Vielleicht war dies die wahre politische Geste, die der Popmusik 2016 gelang: In ihrer eigenen Machtlosigkeit spiegelte sie die Angst vor dem Scheitern einer politischen Emanzipation, die die Welt dauerhaft ebenso wenig zu verbessern verstand wie der Pop, der ihr dabei den Soundtrack bot.

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