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Dirigent Franz Welser-Möst: „Man hat alle zehn bis zwanzig Sekunden die Möglichkeit, etwas falsch zu machen“

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Von: Markus Thiel

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Franz Welser-Möst bei seinem Neujahrskonzertdebüt am 1. Januar 2011. Foto: Dieter Nagl/afp
Franz Welser-Möst bei seinem Neujahrskonzertdebüt am 1. Januar 2011. Foto: Dieter Nagl/afp © AFP

Franz Welser-Möst dirigiert zum dritten Mal das Neujahrskonzert in Wien – ein Gespräch über musikalische Dialekte, den Umgang mit festlichen Kriegsheldenmelodien und die brennende Frage, wie lang der zweite Schlag im Walzer sein sollte

Herr Welser-Möst, 14 von 15 Stücken, die Sie dieses Mal dirigieren, wurden noch nie beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker gespielt. Ist das jetzt ein Revolutiönchen?

(Lacht.) Nein. Das kam so: Ich habe vor einiger Zeit aus einer Laune heraus alles gekauft, was es von der Strauß-Familie und von Joseph Lanner im Druck gibt. Einfach aus Interesse, so wie ich auch alle Haydn-Symphonien in meiner Bibliothek habe. Dann kam die Pandemie, ich hatte wie alle viel Zeit und immer wieder geschmökert. Ständig habe ich mir notiert: „Dies ist ein tolles Stück, das sollte man spielen...“ Als die Einladung für mein drittes Neujahrskonzert kam, habe ich mir aus dem philharmonischen Archiv ausdrucken lassen, was bis jetzt gespielt wurde. Da bin ich draufgekommen: Viele dieser Stücke, die ich mir notiert hatte, waren noch nie beim Neujahrskonzert zu erleben. Schauen Sie sich doch unseren Musikbetrieb insgesamt an: Was wurde in den vergangenen 30 Jahren alles an Barock-Opern entdeckt! Warum sollte man also nicht einmal zeigen, wie viel wunderbare Musik es noch aus der Strauß-Dynastie gibt und die kein Mensch in den vergangenen hundert Jahren gehört hat?

Und die Philharmoniker haben das sofort goutiert?

Es gab eine kleine Diskussion, aber sie haben sich darauf eingelassen. Ich habe gesagt: „Ihr werdet’s sehen, ein Stück ist schöner als das andere.“

Das Neujahrskonzert kreiste also viel zu lange um sich selbst?

Das Programm wird immer vom Dirigenten und dem Vorstand der Philharmoniker ausgesucht. Viele Kollegen haben sich mit der Musik ja nie extrem auseinandergesetzt. Und dann heißt es halt: „Okay, machen wir Kaiserwalzer, Frühlingsstimmenwalzer und so weiter.“ Mich hat auch interessiert, wo die Stücke und unter welchen Umständen seinerzeit aufgeführt wurden. Und ich habe mich auch viel mit Volksmusik beschäftigt. Ich will einfach nicht immer in den Wiederholungsgang schalten.

Hat sich das Neujahrskonzert vielleicht doch verändert, ohne eigenes Zutun? Weil in diesen Krisenzeiten ganz anders drauf geschaut wird?

Natürlich. Jede Kunst wird in der Zeit, in der sie stattfindet, wahrgenommen und beleuchtet. Schauen Sie sich die Geschichte des Neujahrskonzerts an, beginnend mit Clemens Krauss. Er hatte ein wahnsinniges Gespür für diese Musik und fand, sie müsse aus der reinen Unterhaltungsecke raus. Überhaupt war das Konzert immer abhängig von den jeweiligen Dirigenten: Als Herbert von Karajan 1987 hochbetagt ein einziges Mal am Pult stand, war das wie ein großer Abschied. Carlos Kleiber hat alles mit seiner elektrisierenden Art in eine andere Dimension geschossen. Und immer wurde auch eine Kuh gemolken: Vom Konzert mit Seiji Ozawa 2002 wurden allein in Japan 800000 CDs verkauft! Natürlich spielen auch gesellschaftliche Dinge eine Rolle. Ich werde gefragt: „Wie können Sie den Radetzky-Marsch dirigieren, wo doch zu den Klängen junge Burschen in den Tod geschickt wurden?“

Ist es für Sie ein Kriterium?

Wir müssen uns in der Kultur schon die Frage stellen: Was canceln wir und aus welchem Grund? Dann dürften wir Beethovens Neunte auch nicht mehr spielen. Es gibt kein Stück, das so missbraucht wurde – von Adolf Hitler, von Josef Stalin und anderen. Und denken Sie nur daran, was die Orchester in den Konzentrationslagern gespielt haben. Das ist eine sehr diffizile Diskussion. Und sie soll auch geführt werden Ich bin aber der Meinung: Gerade deshalb, weil wir in nicht so heiteren Zeiten leben wie vor drei, vier Jahren, ist es eine Aufgabe der Kunst, Hoffnung zu verbreiten.

Sie dirigieren auch den Walzer „Heldengedichte“ von Josef Strauß. Er wurde komponiert zur Enthüllung des Reiter-Standbilds eines Kriegsherrn.

Es wäre falsch, hier Bedenken zu haben. Man hat damals einen Anlass genommen und solchen Walzern einen Titel verpasst. Aber mit dem Inhalt der Musik haben diese Titel gar nichts oder sehr wenig zu tun. Wenn Sie die Geschichte der Familie Strauß hernehmen: Sowohl Johann Strauß Vater als auch Sohn waren 1848 für die Revolution. Aber eben typisch Wienerisch: Wenn’s anders kommt, arrangiert man sich halt.

Es heißt: Kunst existiert nicht im luftleeren Raum. Und die Musik des Neujahrskonzerts? Genügt die wirklich nur sich selbst?

Ganz allgemein hat das immer mit der Deutung zu tun. Dort, wo ich aufgewachsen bin, bezeichnete man damals Mahlers Musik als billig und vulgär. Auch im Studium habe ich das noch gehört. So etwas verändert sich eben mit gesellschaftlichen Prozessen. Ich fand Mahler nie ordinär. Seine Musik sagt unheimlich viel über die österreichische Seele aus. Sobald Kunst etwas Wichtiges aussagt, hat sie auch Bestand.

Zur Person

Franz Welser-Möst, 1960 in Linz geboren, leitet das Cleveland Orchestra und dirigiert unter anderem regelmäßig bei den Salzburger Festspielen. Die Wiener Philharmoniker, bei denen er ebenfalls Dauergast ist, haben ihm nach 2011 und 2013 zum dritten Mal das Dirigat für das Neujahrskonzert im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins übertragen.

Das ZDF überträgt live, 1. Januar, 2023, 11.15-13.45 Uhr. Wer später aufsteht, kann nachher noch in der Mediathek schauen.

Was sagen dann Strauß-Walzer über die Wiener Seele aus? Wenn’s a bisserl schlecht geht, hilft nur Eskapismus?

Na klar, das ist auch ein Teil davon. Nehmen wir typische Wiener wie Helmut Qualtinger. Jammern ist Volkssport in Österreich. Wenn sie andererseits zum lieben Augustin zurückgehen, zu diesem Bänkelsänger während der Pest-Zeit, dann wurden diese schlimmen Zustände durch seine Kunst gemildert. Alles sehr katholisch: himmeljoch jauchzend und zu Tode betrübt. Wir trinken a Vierterl, dann ist’s vorbei.

Was ist dann die Funktion des Neujahrskonzerts? Der Soundtrack zum Tag, an dem alles noch in Ordnung scheint?

So in etwa. Wir blicken zurück, haken Dinge ab, die schlecht gelaufen sind, und schau’n erst mal zuversichtlich in die Zukunft. Ich kann darin nichts Schlechtes erkennen. Das ist wie bei einer Bank, wo das Geschäftsjahr am 31. Dezember abgeschlossen ist. Wir machen Kassensturz und bleiben optimistisch. Diese Musik drückt einfach ein Lebensgefühl aus.

Konnte ein Spektakel wie das Neujahrskonzert nur in Wien entstehen?

Das glaube ich felsenfest. Wir haben bei meinem Orchester in Cleveland mal darüber gesprochen, ob wir so etwas dort nicht aufziehen könnten. Nach vielen Diskussionen war uns klar: Das hat keinen Sinn. Walzer, Polkas, goldener Musikvereinssaal, Wien, Philharmoniker – da stimmt einfach alles. Das ist perfekt für diesen Tag.

Was macht ein österreichischer Dirigent dabei besser als andere?

Vielleicht, dass ich mich auf meine Wurzeln, mein musikalisches Erwachsenwerden verlassen kann und weniger auf das, was das Orchester anbietet. Einen musikalischen Dialekt kann man schon lernen. Aber dafür reicht es nicht, sich zwei, drei Youtube-Ausschnitte anzuhören, dafür braucht’s eine intensive Auseinandersetzung. Ein Zubin Mehta konnte das auch, ebenso ein Mariss Jansons, beide haben ja in Wien studiert und sich viel damit beschäftigt. Ein Rubato zum Beispiel, diese kleine Verzögerung, kann man schwer erklären. Da geht’s um Stimmungen auch innerhalb einer Melodie. Wie die ausläuft, wie eine neue Phrase beginnt... Wenn Sie das übertreiben, wird’s geschmacklos. Wenn Sie zu wenig machen, wird’s fad und mechanisch. Das Problem ist dabei: Es gibt Traditionen, aber nur wenig davon ist niedergeschrieben worden. Innerhalb der Wiener Philharmoniker hat es zum Beispiel zwei Fraktionen. Die sind unterschiedlicher Meinung darüber, wie kurz oder lang der zweite Schlag im Walzer gespielt werden soll.

Und wie feiert der Dirigent des Neujahrskonzerts Silvester?

Ich feiere gar nicht. Um 19.30 Uhr ist ja die Voraufführung, die dauert zweieinhalb Stunden. Das ist lang und anstrengend. Man muss im Hirn enorm fit sein, weil man in den Walzern, besonders in den Quadrillen alle zehn bis zwanzig Sekunden die Möglichkeit hat, etwas falsch zu machen. Ich gehe also Silvester ins Bett, sobald das Adrenalin einigermaßen runter ist, und versuche, gut zu schlafen. Dann am nächsten Tag ein leichtes Frühstück. Eine Stunde vor Konzertbeginn muss ich im Musikverein sein. Da passiert noch unheimlich viel. Der ORF-Aufnahmeleiter will was, die CD-Firma, die Krawatte muss perfekt sitzen... Da geht’s zu wie im Wespennest. Man ist froh, dass man um 11.15 Uhr die Bühne betreten darf, wo keiner mehr an einem herumzupfen kann.

Und wenn Sie an 2011 zurückdenken?

Beim ersten Neujahrskonzert war’s wirklich furchtbar. Da ist man so nervös... Barbara Rett vom ORF hat mir mal gesagt: „Wir haben noch jeden Debütanten auf die Bühne schieben müssen.“ Heuer überwiegt bei mir die riesige Freude, diese fantastische Musik mit diesem Orchester aufzuführen.

Interview: Markus Thiel

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