Museumsorchester

Mach’ dir dein Manko zum Freund

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Das Museumsorchester unter Sebastian Weigle aber meistert Sergej Rachmaninows 1. Sinfonie.

Was man aus einem mit vier Tönen sehr bescheidenen Motiv machen lässt, das hat Ludwig van Beethoven mit dem cis moll-Motiv seiner 5. Sinfonie vorgemacht. Bei Sergej Rachmaninow hat der Beginn der gregorianischen Sequenz der lateinischen Totenmesse diese Rolle mehr oder weniger verdeckt, zeitlebens gespielt und ganz unverhohlen in seiner 1. Sinfonie. Der „Dies irae, dies illa...“-Hymnus über das Jüngste Gericht und seine Schrecken („Tag des Zorns, jener Tag löst die Welt in Glut...“), den der Komponist hier zentral stellt, hat auch seinem sinfonischen Erstlings gegolten, der krachend durchfiel und seinen Schöpfer in eine schwere Krise stürzte. Mach’ dir dein Manko zum Freund war seitdem das kompositorische Credo des später immer erfolgreicher werdenden Künstlers, der bis zuletzt „seinem“ Motiv die Treue hielt.

Eine kleine abfallende Sekund und Terz in einem Töne-Meer, das im jüngsten Museumskonzert eine gute Dreiviertelstunde wogte, plätscherte und klanglich Sturmflut, Ebbe und Hochwasser brachte. Keinesfalls illustrativ, sondern in endloser Variabilität der 24 Stellungswechsel der vier Töne samt ihrer zahllosen Rhythmisierungen, Transpositionen und Resektionen. Eine brillant gemeisterte Herausforderung des Museumsorchesters unter der Leitung seines Chefdirigenten Sebastian Weigle. Der ließ die Töne-Masse nie soweit zusammenlaufen, dass der typische, leicht breiige und schwappende Effekt sinfonischer Aufwärmereien entsteht. Und dass man einmal nicht die immer wieder gespielte 2. Sinfonie brachte, sondern eben jene weniger gefällig-gepolsterte Erste, erfreute ganz besonders.

Zuvor gab es Tschaikowskys 1. Klavierkonzert, was thematisch sinnvoll war, lässt sich doch der hier ebenfalls viertönige, nach unten bohrende Ohrwurm der Anfangstakte leicht der gregorianischen Requiemsklang-Genetik inkorporieren. Eine bestechende Darbietung gelang, wobei die Balance zwischen den beiden Kombattanten und gleichzeitigen Antagonisten ideal war: ein Gleichstand der Akkuratesse und Profilbildung im Museums-Tutti und bei dem phänomenalen Solisten, dem 30-jährigen koreanischen Pianisten Yekwon Sunwoo, der vor vier Jahren den Internationalen Deutschen Pianistenpreis in Frankfurt gewann. Ein subtiler und harter Arbeiter an der klingenden Konstruktivitätsfront dieses zu oft auf Zerrüttung und Schmacht festgelegten Komponisten. Eine Tschaikowsky-Feier war das – nicht des Mitleidserregers, sondern des blendenden Artisten, dessen ballettuöse Turbulenzen im 2. Satz alle diabolische Herrlichkeit besaßen.

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