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Philippe Jaroussky.

Philippe Jaroussky

Lustvolles Liebesleid

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Der Countertenor Philippe Jaroussky beim Rheingau Musik Festival.

Könnte man die Art der Stimmführung des Belcanto nicht auch auf Countertenöre anwenden? Und wäre dabei Philippe Jaroussky nicht der idealtypische Träger dieser auf Registerbruchlosigkeit, auf gleichmäßigste Figuration in allen Lagen, auf konturscharfe Ziselierung auch in mikrologischer Formierung abzielenden Gesangshaltung?

Tatsächlich nimmt der 41-jährige Franzose über weite Strecken seines Vortrags, der jetzt beim Rheingau Musik Festival in Kloster Eberbach dem venezianischen Renaissance-Komponisten Francesco Cavalli galt, für eine entsprechende Charakterisierung seiner Stimme ein. Mit der Einschränkung, dass es zwei deutlich geschiedene Registerzonen gibt: jene schon beschriebene und dann noch eine der geschärften Spitzen und schneidender Präsenz. Letztere eigentlich notwendigerweise, um bei Artikulationen des Exaltiertseins im Kontext instrumentaler Begleitung den Kopf im instrumental-vokalen Getümmel über Wasser halten zu können. Zwar war das Ensemble Artaserse mit 12 Musikern klein genug besetzt für countertenorales Stimmvolumen, aber bei entsprechenden Aufwühlungen in den insgesamt 28 Programmpunkten kam der androgene Sopranstrahl nur mittels solcher Schärfen zu seiner direkten Wirkung.

Begeisternd auf das Publikum in der Basilika wirkten gerade diese grell gegebenen, mit kessem Inhalt versehenen Stücke, die aus den zahlreichen Opern des Monteverdi-Nachfolgers extrahiert waren. Insgesamt aber überwogen getragene, dem lustvollen Liebesleid gewidmete Arien, wo der fließende, absolut homogene Duktus des schön abgerundeten und präzise sich ins Pianissimo verziehen könnende Stimmverlauf des Countertenors vorherrschte.

Girlanden-Polyphonie

Hier hat Jaroussky eindeutig sein Alleinstellungsmerkmal. Nach einigen komödiantischen Beiträgen im 2. Teil schwenkte er denn auch wieder in die animierte Melancholie ein, die Cavalli auf weniger steile Art pflegte als es Monteverdi tat. Populäre Schwerkraft ist dem 1676 im 74. Lebensjahr verstorbenen Künstler durchaus geläufig. Tänzerische und lautmalerische Attitüden haben Plastizität, wobei das Ensemble Artaserse einen lebhaften Stil pflegt, der sich sowohl sehr verinnerlicht als auch derb zeigen kann. Wunderbar die fast improvisiert wirkende variable Girlanden-Polyphonie in der Streichergruppe.

Auf der Hinfahrt im Shuttlebus von Wiesbaden nach Eberbach hatte ein Junge seinen Vater gefragt, ob Basilika von Basilikum komme. Der Vater meinte, er wisse es nicht so genau, man müsse das nachher einmal googlen. Vielleicht hat den beiden dank Jaroussky das Level der venezianischen Kultur mit ihrer Beherrschtheit in der gestalterischen Kraft und der großen Fallhöhe im Ausdrucksgebaren zugesagt.

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