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Lucy Dacus: „Home Video“ – Sanftheit mit Kern

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Von: Stefan Michalzik

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Lucy Dacus. Foto: Matador/Ebru Yildiz
Lucy Dacus. © © Ebru Yildiz 2021

Im mittleren Tempo: „Home Video“, das dritte Album von Lucy Dacus.

Der Titel weckt Assoziationen, doch „Home Video“, das dritte Album von Lucy Dacus, ist schon im Sommer 2019 eingespielt worden. Home, damit ist die im konservativ geprägten US-Bundesstaat Virginia gelegene Stadt Richmond gemeint, wo Dacus in einer religiösen Familie aufwuchs. Dass das lyrische Ich mit der heute 26-jährigen Singer/Songwriterin selbst identisch ist, dass die Songs von ihrem eigenen Erleben handeln, daran lassen die Intimität und die Unmittelbarkeit der Texte keinen Zweifel. Häufig gibt es ein Du, dem das Ich eine gute Freundin ist. Zentrales Motiv ist die Jugendzeit mit ihren Freuden, Verletzungen und Nöten. Romantisiert wird nicht, dramatisiert auch nicht. Der Blick ist beinahe schon lakonisch gelöst, dabei immer teilnehmend.

Es ist eine ebenso gelassene wie gegebenenfalls reizbare Beobachterin, die da spricht. Ihr freundschaftlicher Beistand kann schon mal auf einen Vatermord hinauslaufen, den sie, angeblich zumindest, für eine Freundin zu begehen bereit wäre. So trägt Dacus das in aller Seelenruhe in dem sparsam instrumentierten Song „Thumbs“ vor. Ein Ausreißer in einer Songwelt, die ansonsten von Sanftheit mit Kern geprägt ist.

Am Folk orientiert

Die Melodieführung der Stimme ist am Folk orientiert, flankiert wird sie von Rockmusik in einem zumeist mittleren Tempo, die hier und da mit U2-artig gleißenden Gitarrencrescendi aufwartet. In zwei Songs stammt der Harmoniegesang von Phoebe Bridgers und Julien Baker, Dacus’ Partnerinnen im Trio Boygenius. Anders als auf dem Debüt „No Burden“ (2016) und auf „Historian“ (2018), dem zweiten Album, macht die Gitarre gelegentlich Platz für Synthieklänge im Stil der achtziger Jahre.

„Home Video“, erstmals von Dacus selbst gemeinsam mit ihrer Band produziert, hat mehr Popappeal, das Album ist rockiger, die Arrangements sind reichhaltiger. Dem Mainstream nähergerückt, bis an die Grenze zum „Powerpop“ stellenweise. Die Songs sind stark, die musikalische Inszenierung indes wirkt eine Spur zu radiotauglich.

Das Album

Lucy Dacus: Home Video. Matador/Beggars Group/Indigo.

Der Song „VBS“, die Abkürzung steht für Vacation Bible School, handelt von den Aufenthalten in den christlichen Ferienlagern, in die Lucy Dacus im Sommer geschickt wurde. Eine positiv besetzte Erinnerung, da das Mädchen die Camps als ein Abenteuer fern der treusorgenden Eltern empfindet, mit Knutschereien und mit eingeschleusten Drogen. „In the summer of ’07/ I was sure I’d go to heaven“. Aber die Ernüchterung droht. „The future isn’t worth its weight in gold/the future is a benevolent black hole“, heißt es in „Cartwheel“. Fabelhaft ist die Jugend natürlich nicht gewesen.

In der Zwischenzeit ist Lucy Dacus von Richmond weggezogen, nach Philadelphia, um der empfundenen Enge der Stadt zu entkommen. Das mittlere Tempo scheint das ideale für die Musikerin zu sein. Schon früh, auf dem im Alter von zwanzig Jahren veröffentlichten „No Burden“, wirkte die queere Künstlerin außerordentlich reif, ja geradezu weise. „Manchmal weiß ich nicht, ob ich mich wirklich an etwas erinnere, oder nur an die Video-Version davon“, hat Lucy Dacus im Übrigen in einem Interview gesagt. „Ich mochte die Idee, mein eigenes Homevideo zu machen. Damit ich es bin, die ihr Leben nacherzählt.“

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