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Loyle Carner und sein Opus magnum „Hugo“: Gefühl und Diskurs

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Michalzik

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Loyle Carner. Foto: Jesse Crankson
Loyle Carner. Foto: Jesse Crankson © Jesse Crankson

Der britisch-guyanische Rapper Loyle Carner und sein Opus magnum „Hugo“

Die Texte von Loyle Carner künden von den eigenen Gefühlen und psychischen Wunden, fern der Larmoyanz und in einer Weise, die eine Verbindung zum gesellschaftlichen Diskurs herstellt. Identitätsfragen sind das zentrale Thema auf „Hugo“, seinem dritten Album.

Geboren ist Loyle Carner 1994 im Süden Londons als Sohn einer weißen britischen Mutter und eines guyanischstämmigen Vaters. Nachdem dieser die Familie verlassen hatte, ist für den Jungen nicht allein der Vater weg gewesen, sondern eben auch der schwarze Elternteil. Es war mithin ein weißes familiäres Umfeld, in dem er aufgewachsen ist. Daraus erwuchs das Gefühl, nirgendwo richtig dazuzugehören. Die eigene Vaterschaft vor zwei Jahren hat den Anstoß zu einer Beschäftigung mit seiner Familiengeschichte und mit Vater-Sohn-Beziehungen gegeben. Loyle Carners Künstlername kündet von Ironie. In einer britischen Kochshow (!) hat der Rapper, der in Großbritanien hohe Chartspositionen belegt, kürzlich über seine Neurodiversität samt ADHS und Legasthenie gesprochen. Eigentlich heißt er Ben Coyle-Larner, der Buchstabendreher als eine Anspielung zu lesen.

Wenn es sich bei diesem Album um sein bisheriges Opus magnum handelt, hat das zu einem Gutteil mit den Texten zu tun, am musikalischen Stil hat sich nicht sonderlich viel geändert: Es ist ein gewisser Jazzflow, der auch dieses Album wiederum durchzieht, mit A Tribe Called Quest und De La Soul als Paten in der Geschichte des Raps.

Mit Jazz und Soul geht Carner nostalgiefrei um, er handhabt sie als Stilmittel für ein gegenwärtiges Musizieren, in Korrespondenz mit seinem warmen und gefühlvollen Rap. Die musikalische Textur von „Nobody Knows“ ist durchwirkt mit einem Gospelchor in seiner überwältigend Energie. „I told the black man, he didn’t understand. I reached the white man, he wouldn’t take my hand“, lauten Zeilen daraus. In vielen anderen Nummern spielt das Klavier eine entscheidende Rolle für den geschmeidig groovenden Sound.

Über das Album

Loyle Carner: Hugo. EMI/Universal.

Er unterscheide nicht zwischen Rap und Poesie, hat Loyle Carner in einem Interview gesagt. Tatsächlich sind seinen Texten bemerkenswerte poetische Qualitäten eigen. Jede Zeile geht unmittelbar auf den Punkt. In ihrer Intimität verlieren sie sich nicht, die gesellschaftliche Perspektive schwingt jederzeit mit. In „Georgetown“ rezitiert der 73-Jährige gleichfalls britisch-guyanische Poet John Agard, in dem Carner einen Genossen in seiner eigenen Situation erkannt hat, Teile seines Gedichts „Half-Castle“.

„I fear the colour of my skin“, heißt es am Anfang des Albums in „Hate“ mit Blick auf die Angst vor der Einwirkung des Rassismus in der Gesellschaft auf eine Existenz als Schwarzer. Sportler werden oder Rapper – das, so werde es einem Schwarzen vermittelt, seien die einzigen Chancen zu einem gesellschaftlichen Aufstieg.

Es ist nicht zuletzt auch die Geschichte eines späten glücklichen Endes, die hier erzählt wird. Nach der Geburt seines ersten Sohnes hat Loyle Carner erkannt, dass er sich mit seinem eigenen Vater aussöhnen muss, um nicht Trauer und Wut weiterzugeben. In der Zeit des Lockdowns hat sein Vater Carner das Autofahren gelehrt, mit seinem alten VW Polo, den er Hugo nennt. Zusammen sind sie nach Guyana gefahren, an den Ort ihrer karibischen Wurzeln. „Still I’m lucky when we talk“ lauten die letzten Zeilen auf diesem Album.

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