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G. Love „Philadelphia Mississippi“: Liebesgrüße aus Coldwater

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Von: Olaf Velte

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Jeder Song ein eigener Horizont: G. Love. Foto: Joe Navas
Jeder Song ein eigener Horizont: G. Love. Foto: Joe Navas © Joe Navas

Aller Zwänge ledig: G. Love krönt sein HipHop-Blues-Lebenswerk.

Vor drei Jahrzehnten hat Garrett Dutton eine musikalische Kombination gewagt, die in ihrer Konsequenz einmalig war und seither geblieben ist. Der pausbäckige, nun den Künstlernamen G. Love tragende Jungspund konnte sich nicht zwischen Folkblues-Gepicke und HipHop-Groove entscheiden – um die daraus resultierende Mixtur kurzerhand als persönlichen Stil zu deklarieren. Seine neue Platte spricht schon im Titel von Herkunfts- und Sehnsuchtsorten, packt Ostküste und tiefen Süden in 13 Songs und 48 Minuten.

„Philadelphia Mississippi“ ist die Krönung dieses Lebenswerks, eine unnachahmliche Verschmelzung verschiedener Einflüsse und Erfahrungen. Sein langjähriges Special-Sauce-Trio hat dem fast 50-Jährigen dabei nicht genügt, die offene Studiotür versammelt schließlich 19 Frauen und Männer vor den Aufnahmegeräten, angestachelt zu spontanem, oft improvisiertem, stets beseeltem Musizieren. Dass es für ein Gipfeltreffen dieser Art eines besonderen Platzes bedarf, ist außerhalb jeden Zweifels.

G. Love hat mit Blick auf sein Vorhaben von einer „Pilgerfahrt“ gesprochen, einer auch spirituell grundierten Reise. Die den Philadelphia-Mann nach Coldwater, Mississippi und zum Zebra- Ranch-Studio, geradewegs in die Arme von Luther Dickinson führt. Hier, in der alten Scheune des 2009 verstorbenen Produzenten-Vaters Jim Dickinson, hat der Hill Country Blues seine Wiederauferstehung furios erleben dürfen, ist die freie Geistesgenossenschaft der North Mississippi Allstars zuhause.

Das Album:

G. Love: Philadelphia Mississippi. Philadelphonic Records – Thirty Tigers / Membran.

Schon das erste Stück, „Love From Philly“, ebnet den Pfad durch einen Garten, in dem Liebe, Limonade und das Lachen im Sonnenlicht besungen, auch die dunklen Gevierte und historischen Schrecken nicht ausgespart werden. Während Schlagzeuger Chuck Treece einen HipHop-Beat vorgibt und die Bluesgitarre von Trenton Ayers ihre Bahnen zieht, ergreift Rap-Legende Schoolly D das Mikrofon zur großartigen Jam-Schmelze. Im folgenden „Mississippi“ verteilen sich die vokalen Selbstauskünfte auf die Stimmen aus beiden Welten.

Jeder Song ein eigener Horizont, geprägt von individuellen Zugriffen, den Launen des Moments. Da verschafft Memphis-Zauberer Alvin Youngblood Hart der Mundharmonika in „HipHopHarpin‘“ einen unvergesslichen Auftritt, gerät „Kickin’“ unter Lady Almas sanglichem Zutun zum legeren Space-Funk. Mit „If My Mind Don’t Change“ drängt die alte Hill-Country-Weise in rhythmischer Vollendung herauf, gibt die Bühne frei für die Querflöten-Königin Sharde Thomas – neben Tikyra Jackson, „Kingfish“ Ingram, Sharisse Norman und Cam Kimbrough eine feste Konstante im ewigguten Dickinson-Universum.

Es herrscht eine Lässigkeit, die mit „Coolness“ noch schwach umschrieben ist, die das ganze Coldwater-Scheunen-Refugium in eine Wolke aus Groove hüllt.

Und es riecht nach jenem wolkigen Gras, das nur inhaliert seine schönsten Eigenschaften erblühen lässt. Es sei ihnen vergönnt, denn die abschließende Album-Dreiheit ist von allen Zwängen befreit. Was mit dem euphorisch bewusstseinserweiterten „Sauce Up!“ in die Schlusskurve schlingert, findet seinen Ausklang mit „Shouts Out“, eine der unglaublichsten je aufgenommenen Danksagungshommagen.

Rohe Gitarrenfiguren geben den Ausrufen, Jauchzern, Begeisterungsstürmen umfängliches Geleit. Dazwischen aber wird in „The Philly Sound“ erzählt, wo es herstammt, das HipHop-Blues-Ding. Alles auf Anfang: 1986, Street Beat, Lady B., Studio 4, George Thorogood & The Destroyers, Schoolly D….. Philadelphia, Mississippi. – Kurzum: Herrliche Platte.

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