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Lou Reed zum 80. Geburtstag: „Bei der nächsten solchen Frage schlag ich dich“

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Lou Reed (2. März 1942–27. Oktober 2013), hier bei einem Gespräch 1983 in Stockholm.
Lou Reed (2. März 1942–27. Oktober 2013), hier bei einem Gespräch 1983 in Stockholm. © AFP

Seine inneren Kämpfe und ein entgleisendes Interview in Frankfurt: Erinnerungen an den großen Lou Reed, der heute 80 Jahre alt geworden wäre. Von Klaus Walter

Lou Reed ist der Typ, der Heroin, Speed, Homosexualität, Sadomasochismus, Mord, Frauenhass und Selbstmord mit Würde und Poesie und Rock’n’Roll versehen hat.“ Hat Lester Bangs geschrieben, der Typ, der das Schreiben über Rock’n’Roll mit Würde und Poesie versehen hat und über dieser Anstrengung schon mit 33 Jahren gestorben ist. Reed dagegen wurde immerhin 71, was nicht unbedingt zu erwarten war, er kannte ja, wovon er singt in „Heroin“ oder „Waiting for the man“. Der Song über das Warten auf den Dealer an der Ecke Lexington Avenue / 125. Straße ist längst New York Folklore. Wie sein Schöpfer Lou Reed, wie dessen Band, The Velvet Underground, wie deren Anstifter, Andy Warhol.

Für Steven Lee Beeber ist Reed „der Songwriter, der die Plattenspieler der amerikanischen Juden für Masochisten, Drogenabhängige, Lederfetischisten und Straßenpunks klarmachte.“ Juden? Beeber ist Autor von „The Heebie Jeebies im CBGBs – die jüdischen Wurzeln des Punk“, einer frappanten Kulturgeschichte des musikalischen Jew York von Lenny Bruce bis Blondie, von Suicide zu den Ramones.

Lous Geschichte sei typisch für jüdische Amerikaner seiner Generation, sagt Beeber. Enkel von eingewanderten Juden, die Eltern, aufstiegsorientiert, verlassen schnell die Lower Eastside, das damalige New Yorker Ghetto, Richtung Brooklyn, nach Queens, immer weiter raus. „Lou hasste das“, so Beeber, „er empfand das Wegziehen in die gesichtslosen Suburbs als Verlust. Zudem änderte der Vater den Familiennamen, noch ein Verlust.“

Aus Lewis Allan Rabinowitz wird Lou Reed. Die Eltern machen sich Sorgen. Der Sohn fährt Motorrad, spielt Gitarre, dabei soll er doch Anwalt werden oder Arzt. Und Lou benimmt sich so komisch. Schwuchtelig. Die Eltern stecken ihn in die Psychiatrie, dort werden seine Allüren mit Elektroschocks bekämpft. Das habe ihn zum Rock’n’Roll gebracht, sagt Lou später, dieses Elektrische. Die frühen Velvet Underground klingen tatsächlich nach Elektroschocks, findet Beeber und erzählt von der großen deutsch-jüdischen Hassliebe in der Band.

Nico, die teutonische Schönheit mit den pale blue eyes, die Warhol als Blickfang und Chanteuse – so steht’s auf dem Cover der Bananenplatte – engagierte. Und „Lou, ein aufgewühlter, konfliktbeladener jüdischer Junge. Es war eine Hassliebe. Er schrieb Songs über Nico, ‚Pale blue eyes‘. Blond und blaue Augen, für viele Juden ist das sehr deutsch. ‚I’ll be your mirror‘ ist über Nico, Lou wollte was anderes sein als der kleine kraushaarige Jude, für den er sich hielt. Nico hat ihn gedemütigt. Als sie sich von ihm getrennt hat, hat sie in Warhols Factory vor versammelter Mannschaft gesagt: Ich kann nicht mehr länger Sex mit Juden haben.“

Nein, sie war nicht antisemitisch, beharrt Beeber. „Lou war böse zu ihr, das war ihre Rache. Das entsprach dem sarkastischen Umgangston in der Factory. In dieser Nacht ging Lou in sein Zimmer und viele haben befürchtet, dass er sich umbringt. Später schrieb er viele Songs über sein Jüdischsein.“

Auch meine Begegnungen mit Lou Reed nahmen kein gutes Ende. In der Offenbacher Stadthalle sehe ich 1979, wie ein wütender Reed eine Frau, die auf die Bühne geklettert war, wieder runterkickt. Stühle fliegen, der Künstler wird festgenommen. 2020 verarbeitet der Frankfurter Musiker Oliver Augst mit Françoise Cactus (r.i.p.) und Brezel Göring aka Stereo Total diesen Provinzskandal zu einem Musical: „Lou Reed in Offenbach“ mit Songs wie „Lou says“, „Offenbatsch“ (sic!) oder „Elektroschocktherapie“.

2012 holt der Frankfurter Galerist Werner Lorke Lou Reed nach Europa, um seine Fotoarbeiten auszustellen, und vermittelt ein Treffen. Ein Interview mit Lou Reed, die Königsdisziplin des Pop-Journalismus! Sich einmal im Leben von dem griesgrämigen alten Mann so richtig demütigen lassen. Reed gilt als notorisch übellaunig, cholerisch, böse. Diesem Ruf wird er gerecht. Man solle nicht gleich über Musik reden, sondern über die Fotos, hatte die Managerin geraten. Ist er als Fotograf Autor? So, wie er als Songwriter Autor ist? „Darüber habe ich nie nachgedacht.“

„Können Sie Ihre Arbeitsweise als Fotograf beschreiben?“

„Nein.“ „Was ist der Unterschied zwischen Songwriting und Fotografieren?“ „Keine Ahnung.“ „Es gibt keine Beziehung zwischen Ihrer Arbeit als Musiker und der als Fotograf?“ „Nein.“

So geht das weiter, bis wir auf Jack Smith kommen. Der New Yorker Avantgarde-Filmer, Weggefährte Warhols, wird gerade in Frankfurt mit einem Festival gewürdigt. Smith, Pionier des Queer Cinema, zeigt schon in den frühen sechziger Jahren rauschhafte Bilder von polymorphen Sexualitäten jenseits der Hetero-Norm und löst damit Skandale aus. Bei Lou Reed löst Jack Smith einen Euphorieschub aus. „Ich habe gerade eine Smith-Ausstellung in New York gesehen. Komisch, damals wurde er verhaftet für seine Kunst, heute läuft sie in einer Galerie in Frankfurt, amazing.“

„Was fasziniert Sie an Jack Smith?“

„Wie sie diese Filme gemacht haben mit so wenig Geld. Wie sie die Kamera einsetzen, die Farben, die Kostümen, das Licht!“ Reed schwärmt, das Eis ist gebrochen. Jetzt die Chance nutzen und Antony ins Spiel bringen. Der Sänger mit der Engelsstimme ist ebenfalls Fan von Jack Smith und einer der Protagonisten des queeren Pop. Also verbinden wir Antony und Fotografie mit einem Zitat: „We live together in a photograph of time.“ Reed: „Wer hat das gesagt?“ – „Sie kennen ihn.“ „Wer?“ – „Antony.“ „Oh, Antony, he’s an amazing singer.“ Reed hat Antony protegiert, manchmal singt der Junge die Songs des Alten. „Was empfinden Sie, wenn Antony Ihre Lieder singt, mit dieser femininen Stimme, die so ganz anders ist als Ihre? Ist das ein musikalisches Crossdressing, eine Verkleidung der Geschlechter?“

Reed, angeekelt: „What? No! Nicht im Entferntesten.“ Reed, der „Transformer“, der Pionier des queeren Pop reagiert auf Genderfragen so aggressiv indigniert wie ein Zwölfjähriger auf die Frage: Bist du schwul? Reed ist sauer, auch egal: „Haben Sie sich als queerer Künstler verstanden?“ „As a queer Artist? You want the interview to end now?“ Der Ton wird schärfer.

„Don’t ask me questions like that or next time I’ll hit you.“ Hat er wirklich schlagen gesagt? Der Mann ist 70, gebrechlich, einen Kopf kleiner als ich, 40 Pfund leichter. Der droht mir Prügel an? Nächste Ansage: Nicht mehr solche Fragen oder: „You can fuck yourself!“ Dann wolle er wohl auch keine Fragen über die Bedeutung des Judentums für seine Kunst? „No!“ Reed steht auf. „Du wirst mich nicht schlagen, asshole!“, kann ich mir nicht verkneifen. „Wie weit willst du es noch treiben?“, gibt er zurück.

So endet dieser Gesprächsversuch zwischen einem Deutschen und einem jüdischen New Yorker. Später habe ich eins von seinen Fotos gekauft, für hundert Euro. Ein Paar blasse, blaue Augen, nicht die von Nico. Hängt jetzt über meinem Schreibtisch.

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