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Und jeder kann Lou Reed sein: Augst (l.) und Cactus. 

Mousonturm

„Lou Reed in Offenbach“: Who cares about Offenbätsch?

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Premiere per Livestream: Oliver Augsts Musiktheaterperformance „Lou Reed in Offenbach“ am Mousonturm.

Nun also Theater zu Hause, vom Sofa aus, bei einem Glas Rotwein. Kein übler Behelf derzeit. Die Premiere des Stücks „Lou Reed in Offenbach“ von und mit Oliver Augst sowie Françoise Cactus und Brezel Göring vom genial-dilettantischen Berliner Pärchen-Popduo Stereo Total im Frankfurter Mousonturm fand statt, per Livestream. Lebhafter Jubel zu Beginn und am Schluss – eine „Geisteraufführung“ war es dann doch noch nicht, gespielt wurde vor einem internen Publikum.

Jeder singt mal

Die „musikalische Feature-Fiction-Performance“ kreist um ein legendär desaströses Konzert von Lou Reed am 6. April 1979 in der Offenbacher Stadthalle. Es war das erste Rockkonzert, das Oliver Augst besuchte, als 17-Jähriger, mitgeschleppt von seiner Tanzstundenpartnerin, in die er verschossen war. Was nicht Augst erzählt, sondern Brezel Göring, wie überhaupt hier ständig die Positionen wechseln: Jeder singt mal, jeder sitzt mal am Schlagzeug. Der Lo-Fi-Sound wechselt zwischen einer mimetischen Anverwandlung des musikalischen Idioms von Reed und Geräuschhaftigkeit. Augsts profunder Bariton trifft im Duett auf die kieksig-französelnde Stimme von Françoise Cactus.

So gut wie gar nicht gespielt hat wohl der seinerzeit schwerst drogen- und alkoholabhängige Lou Reed an besagtem Abend. Erst ließ er das Publikum eine Ewigkeit warten – „I hate the audience“, bekommt er im Stück in den Mund gelegt, „Who cares about Offenbätsch?“ –, dann brach er das Konzert bald ab. Er nahm die Garderobe auseinander, das Publikum den Saal. Der Musiker wurde festgenommen.

Zwischen die Songs eingeschoben sind Zeitzeugenberichte sowie fiktionale Äußerungen von Weggefährten um Lou Reeds egomanisch-aggressiven Charakter, dessen Hintergrund – die Eltern hatten Reed wegen seiner homoerotischen Neigungen zu einer Elektroschock-Therapie angemeldet – das Trio nachgeht. In seinen Songs beschreibt Reed Figuren des queeren New Yorker Undergrounds der späten sechziger und frühen siebziger Jahre – hier lassen sich in Umkehrung der Verhältnisse ebensolche über das fatal launenhafte und gewalttätige „Rock’n’Roll Animal“ aus.

Arrangiert ist das originell mit irrwitzig trashig schnarrenden und fiependen Synthiesounds und einer rumpeligen Riffgitarre. Wenngleich das Publikum aus Mitarbeitern des Hauses, Freunden und Musikerkollegen bestanden haben muss – gefeiert wurde die außerordentlich gelungene realfiktionale Montage zu Recht.

Sendung der Hörspielfassungam 30. Mai auf hr2-Kultur.

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