+
Konzert des London Philharmonie Orchestra unter der Leitung von Vladimir Jurowski und der Solistin Beatrice Rand/ Klavier.

Alte Oper

Londoner Philharmoniker in der Alten Oper: Seelenruhe und Gewalt

  • schließen

Beatrice Rana und Vladimir Jurowski mit den Londoner Philhamonikern in der Alten Oper Frankfurt.

Der Auftritt der 1993 geborenen italienischen Pianistin Beatrice Rana in der Alten Oper Frankfurt ist bestechend unverzüglich. Da kommt sie, sitzt sie, spielt los. Konzentration und Musikalität demonstrieren hier kein Bedürfnis nach äußerer Form, alles scheint direkt in die durchaus prankenhaft einsetzbaren Hände zu fließen, wie überhaupt die regelrecht handwerkliche Seite des Klavierspiels in Ranas stoisch ruhiger Körperhaltung – der Blick weitgehend auf die Tastatur, ab den Unterarmen aber rasende, markant schaufelnde Aktivität – zu besonderer Geltung kommt. Allerdings lässt das 3. Klavierkonzert von Sergej Prokofjew auch praktisch keine Zeit zum Atmen oder Sinnieren. Rana ist eine technisch versierte Virtuosin, muss es auch sein. So unprätentiös ihr Spiel, so aufmerksam ist es auch, präzise, kraftvoll und unkitschig, indem es den Überschwang des Musikrauschs dem Publikum überlässt.

In der Alten Oper Frankfurt begleitet sie das London Philharmonic Orchestra unter ihrem Chefdirigenten Vladimir Jurowski, dies nicht immer mit maximaler Rücksicht auf das Klavier. Aber das Überbordende gehört zum Kalkül des Komponisten, der selbst bei der Uraufführung 1921 in Chicago den Solistenpart bewältigte. Beatrice Ranas Unermüdlichkeit zeigt sich in der gleichfalls erschütternd rasanten und doch seelenruhigen Zugabe, der „Gigue“ aus der 1. Partita von Johann Sebastian Bach. Anschließend kann sie anscheinend in sich ruhend den zweiten Teil im Zuschauersaal anhören. Ihr quasselnder Begleiter vermittelt praktisch die Aufregung, die man an ihr so gut hätte verstehen können.

Zumal es nach der Pause aufregend weitergeht. Dmitri Schostakowitschs 11. Sinfonie, die sich 1956/57 auf das Revolutionsjahr 1905 und namentlich den Petersburger „Blutsonntag“ zurückbezieht, ist ein düsteres, strenges, dann wieder böse lärmendes Werk, dessen im Fahlen zuweilen Gustav-Mahler-hafte Züge allerdings auch daran erinnern, dass das „Programm“ immer eine Beigabe von außen ist. Und Trauer, die sich hier abgrundtief auftut und namentlich von den Bratschen am Beginn des 3. Satzes überwältigend vermittelt wird, sich immer auch auf andere und anderes beziehen lässt.

Der zuvor hinterm Flügel verschwundene Jurowski ist jetzt als selbst sehr gezügelter Beherrscher der Szene zu erleben, standfest im Tohuwabohu, minimalistisch in der Gestik. In der Tat darf man davon ausgehen, dass das exzellente Orchester hier keinen Aufpeitscher braucht, sondern ausschließlich einen Anführer, der den Gewaltakt zusammenhält. Das Straffe des Unterfangens verhindert auch jedes Auftrumpfen, sofern es drohen könnte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion