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London Symphony Orchestra unter Rattle: In der Welt der Wasserfräuleins

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Von: Bernhard Uske

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Simon Rattle mit den Londonern. Foto: Tibor Florestan Pluto
Simon Rattle mit den Londonern. Foto: Tibor Florestan Pluto © Tibor-Florestan Pluto

Das London Symphony Orchestra mit Sibelius-Werken, die Aufmerksamkeit verdienen

Der schlechteste Komponist der Welt“ – so fasste einmal René Leibowitz die abschätzige Einstellung eines Schönberg oder Adorno gegenüber Jean Sibelius zusammen. Holpriges Pathos, das in kartonhafter Steifheit beziehungslos umherpurzele. Solcher Befund der mitteleuropäischen Moderne über den finnischen Nationalkomponisten des 20. Jahrhunderts verblasste erst, als die Neue Musik selber begann, Formalia zu goutieren, die als klobig oder grob zu bezeichnen waren.

In der Alten Oper Frankfurt präsentierte das London Symphony Orchestra jetzt zwei solcher weltschlechtesten, aber eher unbekannten Werke, die schon zur Zeit des Sibelius-Bashings für Aufmerksamkeit hätten sorgen können. Die „Okeaniden“, eine Tondichtung von 1914, eröffnete den von Simon Rattle geleiteten Abend und zeigte eine Adaption impressionistischer Klangzüge, deren Disparatheit auffiel. Wo der frankophone Impressionismus sich eher an der akustischen „Netzhaut“ aufhält, durchlöchert Sibelius den Vorgang mit mikro-affektiven Querschlägen. Das LSO ließ die Welt der Wasserfräuleins nicht zu sehr ausufern und hielt eine gute Balance zwischen wässrigen und körperhaften Bestandteilen.

„Tapiola“ von 1928 ist eine Impression im floralen und faunischen Milieu. Unkalkulierbares Walddickicht – von Rattle und dem Orchester wie durch ein Kaleidoskop betrachtet. Hans Rosbaud als Dirigent der Avantgarde, hatte das Werk einmal für die Schallplatte als Quasi-Neue Musik präsentiert: kubisch und flächig mit a-zentrisch gesetzten Feldern und Topoi. Ganz so weit ging Rattle jetzt nicht; aber der Eindruck einer sperrigen und perspektivreichen Klangwelt war deutlich.

In Sergej Rachmaninows 3. Sinfonie gab es ein Wiederhören mit einem alten Bekannten, der eigentlich alle Werke des US-amerikanischen Exil-Russen beherrscht: das viertönige Dies-Irae-Motiv der lateinischen Totenmesse in allen möglichen Abwandlungen. Eine fixe Idee, die wie ein Abwehrzauber zu funktionieren scheint und die psychopathischen Züge der Person des Komponisten zu Kunst werden ließ.Und damit der fragilen Identität das musikalische Überleben garantierte.

Das weit ausgreifende, mit kontrastreichen Wechseln aufwartende Werk hat so eine lebhafte morbide Basis und konnte mit dem nicht zu vehement agierenden Orchester und seinem entspannt wirkenden Chef die sinfonisch ausgelebten Schicksalsschläge zur Freude des Publikums in bewegten und aufblühenden, gar auftrumpfenden Ausdruck verwandeln.

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