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Seine Figur interessiert seit je: Max Gruber, Drangsal.

Drangsal

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Das neue Album von Drangsal zeigt freie Bewegung im Pop.

Drangsal, der bürgerlich Max Gruber heißt und dieses Jahr fünfundzwanzig wird, ist ein Künstler mit Format. Der, wenn man es denn versuchte, auch in England Bestand hätte, weil er nicht rüberkommt wie eine kleingeistige Kartoffel, drei Jahre hinter den Trends und immer bisschen zu strebsam, um richtig cool zu sein. Zugestanden, es gibt Möglichkeiten, Belang zu haben, ohne cool zu sein, auch in deutscher Sprache. Rammstein waren nie cool, hatten aber wenigstens etwas zu sagen, über das sich das Diskutieren lohnte. DAF waren sicherlich cool, aber nun auch nicht im Sinne von lässig, sondern eher im Sinne von souverän. 

Drangsal ist so weit eigentlich gar nicht weg von DAF. Dunkle Sequencer, dunkle Blicke, dahinter ein schelmisches Grinsen, Tanz wie Kampf. Der 80er-Referenzrahmen des ersten Drangsal-Albums „Harieschaim“ war ein zeitlicher (Nato-Doppelbeschluss, Atomwaffen vor der Haustür, wenige Jahre nach No Future) und ein stilistischer: Doc Martens, Karottenjeans, Unterhemdchen, streng gegelte Haare. Coolness qua Look, Coolness qua Statements in Interviews, wo er eigentlich permanent beleidigte oder – seltener – abfeierte, vor allem aber Coolness qua perfekt nachgebauter Musik: mit ultratrockenen Snares, einem immer wieder herrlich quengelnden Postpunk-Bass und den klatschenden Sequencern darüber. Das erste Album war beachtlich, vor allem fiel aber Drangsal als Figur auf. 

Schien „Harieschaim“ noch keine völlig überzeugende musikalische Vision zu sein, ziemlich perfekt die perfekten Popsongs aus den 80ern nachzubauen, so bietet „Zores“ nun eine neue Deutung an: Es ist sich einfach kaum jemand so der eigenen Position auf dem Popzeitstrahl bewusst wie Max Gruber. Er kennt die Tradition und stellt sich in sie. Oder grenzt sich eben ab. 

Und er tut sich mit den richtigen Leuten zusammen. Mit Die Heiterkeit, mit Sizarr und Gewalt, mit dem Produzenten Markus Ganter, der auch Casper produzierte, Max Rieger von Die Nerven. Auf „Zores“ hat sich nun insofern einiges geändert, als Drangsal heute meist auf Deutsch singt. Und es klappt, er findet ein Bild wie: „An die Decke meines Schädels schlägt ein Spalier junger Mädels“. Und: „Gegen die Wände meines Herzens halten hundert junge Jungs heiße Kerzen.“ Oder man höre nur, wie toll er im Hit „Jedem das Meine“ das Wort „Pro-mis-ku-i-tät“ zerdehnt. „Ich will doch nur euer Bestes, ich geb’ jedem das Meine.“ Und der Bass pöbelt sich natürlich immer noch wunderbar breit durchs Stadtgrau. 

Die etwas theatralischere Haltung, das etwas Unlockere des Deutschen geht ihm locker von der Hand. Tatsächlich ist da jetzt ein bisschen von dem Witz seiner Interviews in die Musik eingesickert. Dagegen sind die typischen Signature-Sounds in den Hintergrund getreten. Mehr NDW, so etwas wie Poppunk, im Falle von „Und Du? (Vol. II)“ kann man auch Tocotronic und Blumfeld raushören.

Dass das erste Album ein paar mehr Hits hatte, weil es offensichtlicher auf die Tanzfläche zerrte, ist verzeihlich, weil Drangsal dafür einerseits seinen Punkt unterstreicht – er gesteht permanent Lieben und Einflüsse – und andererseits von der Formel des ersten Albums abweicht und damit beweist, dass er sich frei bewegen kann im Pop. Schon einige Male hat er erzählt, er sei der größte Tool-Fan der Welt. Ich warte auf das erste Album, das Tool als Einfluss ernst nimmt. Auch das wird gut werden. 

Drangsal: Zores. Caroline Records.

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