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Lizzo: „Die Reise zur Selbstliebe ist keine Kurzstrecke“

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Mit Lust und Leidenschaft einfach mal „die Sau rauslassen“: Diese Botschaft trägt Lizzo mit ihrer Musik in die Welt.
Mit Lust und Leidenschaft einfach mal „die Sau rauslassen“: Diese Botschaft trägt Lizzo mit ihrer Musik in die Welt. © Charles Sykes/dpa

Wie US-Musikerin Lizzo sich ihr phänomenales Selbstvertrauen aufgebaut hat, Frauenpower inspiriert und auf ihrem neuen Album „Special“ Disco feiert. Von Steffen Rüth.

Frankfurt - Lizzo, geboren vor 34 Jahren als Melissa Viviane Jefferson in Detroit, als Kind klassisch ausgebildete Flötistin, später Mitglied in R&B- und Rap-Gruppen und nach Umzügen nach Houston und Minneapolis nun in Los Angeles residierend, hat seit 2019 eine der atemberaubendsten Pop-Karrieren der vergangenen Jahrzehnte hingelegt. Jahrelang rannte sie – ehrgeizig, talentiert, aber oft glücklos – gegen geschlossene Türen im Showgeschäft. Um dann, 2019 mit ihrem Album „Cuz I Love You“ sowie den Singles „Juice“ und „Truth Hurts“ zu realisieren, dass die Türen plötzlich alle ganz weit offenstehen.

Drei Grammys hat die Pop-R&B-Disco-Soul-Sängerin seither gewonnen, sie zierte das Cover des Time-Magazins, hat eine eigene Shapewear-Kollektion auf den Markt gebracht („YITTY“) und feiert auch als Gastgeberin der Casting-Show „Watch Out for the Big Grrrls“ Triumphe. Nun kehrt Lizzo mit dem neuen Album „Special“ und den Sommerhit-Singles „About Damn Time“ sowie „Grrrls“ auf den Musikthron zurück.

Lizzo im FR-Interview

Lizzo, Sie sind heute eine der einflussreichsten und bekanntesten Pop-Persönlichkeiten der Welt. Wie gut haben Sie sich an Ihren Erfolg mittlerweile gewöhnt?

Oh Gott, ich taste mich in diese Rolle immer noch hinein. Für mich ist es kaum greifbar, dass ich Millionen von Menschen mit meiner Musik und auch mit meinem Leben berühre und inspiriere. Das macht mich so extrem dankbar, so glücklich.

Sie wirken ernsthaft überrascht. Warum?

In der Schule war ich das Kind, das von den anderen gehänselt wurde. Eine großartige Karriere, auf welchem Gebiet auch immer, war definitiv nichts, das mir auch nur irgendjemand zugetraut hätte.

Waren Sie denn in Ihrer Jugend trotzdem schon so selbstbewusst wie heute?

Überhaupt nicht. Als Kind war ich ziemlich leise und ängstlich, ich hatte noch kein großes Mundwerk. Ich war so weit entfernt von den coolen Kids, wie man nur sein konnte. Und schlank war ich auch nicht. Aber ich hatte meine Träume, und die waren grenzenlos. Ich spielte in der Schule Querflöte und merkte, wie sehr ich es liebe, mich musikalisch auszudrücken. Ich dachte, wenn ich genug Geld mit der Musik verdiene, um keinen anderen Job machen zu müssen, bin ich zufrieden. Heute kann ich meine Familie unterstützen, und die Menschen singen überall auf der Welt meine Lieder mit. Ich fühle mich gesegnet.

Lizzo musste hart um ihren Erfolg kämpfen

Sie mussten härter für den Erfolg kämpfen als andere, oder?

Total! Als kräftiges, schwarzes Mädchen fühlte ich mich lange Zeit außen vor. Nicht zugehörig. Ja, es hat Kraft erfordert, mich durchzusetzen. Die Wahrscheinlichkeiten standen nicht auf meiner Seite. Ich denke, ich konnte einige Stereotypen beseitigen oder wenigstens mithelfen, dass sie beseitigt werden. Aber am Ziel einer gleichberechtigten Gesellschaft sind wir noch lange nicht angekommen.

Sie sind ein Vorbild für Body Positivity und Diversität, ein Idol für Menschen in aller Welt.

Auch das kam unerwartet und sehr schnell. Zwischendurch gab es immer wieder Momente, wo ich fast mit der Musik aufgehört hätte. Weil ich einfach nicht vorwärtskam, immer wieder steckenblieb. Selbst „Truth Hurts“ war anfangs kein Erfolg. Dann hatte ich ein paar Mal Glück, und jetzt sitzen wir hier. Ich habe noch ganz viele Pläne, die ich nicht verraten möchte. Und ich bin wirklich sehr, sehr stolz auf mich, weil ich das machen und umsetzen kann, was ich immer wollte.

Zur Person

Lizzo ist eine der weltweit erfolgreichsten Sängerinnen und Hip-Hop-Künstlerinnen. In einem musikalischen Zuhause aufgewachsen, besucht sie als Kind regelmäßig die Kirche, wo sie im Gospel-Chor singt. 2019 veröffentlicht sie „Cuz I Love You“, ihr erstes Studioalbum bei einem großen Label, was ihr den kommerziellen Durchbruch beschert sowie zahlreiche Nominierungen und Preise, darunter acht Nominierungen für den Grammy Award.

Sie gilt als Ikone der Body Positivity- Bewegung, die Menschen aller Hautfarben und Figurtypen zeigt, dass es wichtig ist, sich selbst zu akzeptieren und nicht nach den Kriterien anderer zu leben. Sie setzt sich auch für die LGBTQ-Szene ein, geht offen mit ihrer Sexualität um und plädiert für mehr Akzeptanz und Gleichbehandlung von Menschen, die sich nicht als heterosexuell bezeichnen.

Auch in Filmen wirkt sie mit, etwa mit einer Sprechrolle im Animationsfilm „UglyDolls“ sowie an der Seite von Jennifer Lopez in der Krimikomödie „Hustlers“. osk

Lizzo: Erste Single ihres Albums „Special“ handelt von Selbstbehauptung

„About Damn Time“, die erste Single Ihres Albums „Special“, ist eine fetzige Disco-Nummer. Geht es in dem Lied darum, sich nicht abspeisen oder kleinmachen zu lassen?

Das stimmt. „About Damn Time“ handelt von Selbstbehauptung. Sie dürfen nicht denken, nur weil ich plötzlich mit allem Erfolg habe, sei ich durchgängig glücklich. So ist es nämlich nicht. Mein Leben der letzten Jahre war nicht nur von Hochs, sondern auch von Tiefs gekennzeichnet. Aktuell habe ich es geschafft, im Moment zu leben, lustvoll und glücklich zu sein. Ich habe – auch wenn das gerade seltsam klingt angesichts der Weltlage – meinen inneren Frieden gefunden, während draußen vor meiner Haustür Konfusion und Schrecken herrschen. Das Lied handelt davon, sich mit diesen Widersprüchen irgendwie zu arrangieren, Freude im Chaos und Ruhe im Sturm zu finden. „About Damn Time“ ist meine Zeitmaschine.

In der ursprünglichen Disco-Ära, den späten Siebzigern, waren sie noch gar nicht geboren. Was assoziieren Sie mit dieser Zeit?

Freiheit und Freude. Ich bin der Ansicht, wir können Veränderungen am besten dann erreichen, wenn wir lustvoll an die Sache herangehen. Der Song soll die Menschen ins Hier und Jetzt transportieren und ihnen das Hadern mit der Vergangenheit, aber auch das Ängstigen über die Zukunft austreiben.

Das sagt sich so leicht.

Leider wahr. Ich kenne das ja selbst. Sorgen sind meine ständigen Begleiterinnen. Ich bin jetzt berühmt, aber meine Ängste und meine psychischen Schwankungen sind dadurch nicht verschwunden. Die Reise zur Selbstliebe ist keine Kurzstrecke. Und am Ende lautet das Ziel: Mich nicht nur zu akzeptieren und zu tolerieren, sondern mich richtig gern zu haben. Ich muss mir immer wieder selbst sagen, dass ich gut genug bin, so wie ich bin. Und ich darf nicht vergessen, mich zu belohnen.

Womit zum Beispiel?

Ein ganz wichtiges Thema für mich sind die kleinen Freuden des Alltags. Diese Mini-Fluchten, die wir so oft wie möglich einbauen sollten, damit wir uns wohlfühlen. Ich habe von meiner besten Freundin Sophia, die bei mir auf der Bühne als DJane arbeitet und meistens mit mir reist, gelernt, wie man das Leben genießt. Ich war immer so gestresst, aber Sophia ist sehr begabt darin, mich runterzuholen und zu entspannen.

Wenn Selbstliebe, die Liebe anderer inspiriert: Lizzo beim Konzert in New York.
Wenn Selbstliebe, die Liebe anderer inspiriert: Lizzo beim Konzert in New York. © Angela Weiss/afp

Welche kleinen Tricks können Sie empfehlen?

Als ich 2019 durch die Decke ging, gab es jeden Abend Schnäpse nach den Konzerten. Das war lustig, aber nun wirklich keine Maßnahme für alle Zeiten. Heute setze ich auf eine gesunde Mischung aus Party und Erholung für Körper und Seele. Ein Gläschen Champagner oder ein heißes Schaumbad sind kleine, einfache Ideen, um das Glück zu spüren.

Ihre neueste Single „Grrrls“ ist eine Frauenpowerhymne. Was ist die Botschaft?

Wir Frauen sitzen am Steuer. Wir sind die Königinnen, die Herrscherinnen. Die Zeiten, in denen wir uns haben gängeln und bevormunden lassen, sind vorbei. Musikalisch soll der Song vor allen Dingen Spaß machen und dir helfen, dich stark zu fühlen. Die Menschen, ich kann es nicht oft genug sagen, brauchen mehr Lust und mehr Leidenschaft. Ich will euch alle dazu inspirieren, die Sau rauszulassen (lacht) .

Lizzo versucht, ihr eigenes Leben zu verbessern

Das Time-Magazin hat Sie auf dem Titel der „Frauen, die die Welt verändern“-Ausgabe gedruckt. Wie, aus Ihrer Sicht, haben Sie die Welt verändert?

Indem ich mich nicht habe aufhalten lassen, meine Bedürfnisse zu befriedigen. Du darfst dich nicht unsichtbar machen und dir deine Visionen nicht von sogenannten Entscheidungsträgern kaputtreden lassen. Sondern klar sagen, was du brauchst.

Zum Beispiel?

Ich brauche unbedingt kräftige Mädchen für meine TV-Casting-Show „Lizzo’s Watch Out For The Big Grrrls“. Was tue ich? Ich rede so lange auf die Verantwortlichen von Amazon Prime ein, bis ich meine Vision umsetzen kann. Ich bin der festen Überzeugung, dass jede Körperform sexy ist. Ich lasse nicht locker, bis ich die Bekleidungsfirma finde, die meine Shapewear-Philosophie teilt und mit der zusammen ich nun eine Kollektion auf den Markt gebracht habe. Und wenn ich einen Song singen will, der die ganze Welt mitreißt, dann muss ich den schreiben. Sonst macht es niemand für mich.

Ist es denn Ihr Ziel, die Welt zu verbessern?

Ich versuche nicht per se, die Welt zu verbessern. Ich versuche, mein eigenes Leben zu verbessern. Und wenn ich das tue, tue ich auch etwas für die anderen. Ich bin laut, ich bin trotzig, ich habe eine Stimme, und diese Stimme will ich nutzen, um Menschen zu inspirieren und zu ermutigen, ihr Leben zum Positiven zu verändern.

Interview: Steffen Rüth

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