Musik

Raserei und Ruhe

Jan Lisiecki spielt Rachmaninow in der Alten Oper Frankfurt.

Sergei Rachmaninows 2. Klavierkonzert ist gemacht für einen Virtuosen wie den Kanadier Jan Lisiecki. Er sieht aus wie der Tadzio-artige Pennäler im „Tatort“, der es faustdick hinter den Ohren hat, tatsächlich aber ist er ein erwachsen gewordenes Wunderkind vor seinem 24. Geburtstag. Er verfügt über eine stupende Technik. Sie ermöglicht ihm, seine Aktionen im Gerangel und Handgemenge glasklar klingen zu lassen. Jeder Ton – analog zum hier noch dazu spektakulär zelebrierten breiten solistischen Beginn – scheint eine Setzung zu sein, deutlich und bedeutend, die Melodieführung ist von immenser Transparenz. Alles wirkt dabei nämlich unhektisch: Eine bestechende Kontrolle herrscht mitten in der musikalischen Raserei.

Sofern man es beurteilen kann, denn die groß besetzte Tschechische Philharmonie unter der Leitung ihres Chefs Semyon Bychkov fährt beim Pro-Arte-Konzert in der Alten Oper Frankfurt recht mächtig auf. So ist es gedacht, so soll es sein, dennoch sind die fesselnden Momente die, in denen das Orchester dem Solisten etwas Platz lässt. Auch in der wunderbar sämigen Streichermasse, die Schlussphase belegt es, ist das möglich und prächtig.

Nicht nur bemüht sich das Publikum vergebens um eine Zugabe, Lisiecki bekommt auch ein Stofftier geschenkt. Etwas respektlos, wenngleich magisch wirkt es, einem Klavierspieler direkt nach dem Auftritt die Hand zu reichen. Lisiecki schlägt freundlich ein.

Nach der Pause spielen die Philharmoniker passend zur Jahreszeit Peter Tschaikowskis 1. Sinfonie „Winterträume“, die die programmatische Ausdeutung allerdings nicht nötig hat. Überzeugend der unsentimentale Zugriff, wobei die Bläsereinwürfe im Adagio cantabile wirklich nüchtern ausfallen (hier ginge es auch nicht um Süße, sondern um Mysterium). Umso delikater der zuckerfreie, aber tanzbare dritte Satz, Pomp und Größe des Finales dann fast schon spöttisch.

Bychkov lässt sich nicht lange bitten, die Zugaben laufen auf Brahms’ 5. Ungarischen Tanz hin, bei dem die Zuschauer nur noch knapp nicht mitklatschen.

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