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Liederabend mit Benjamin Bernheim: Die sinnende Wollust

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Von: Bernhard Uske

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Benjamin Bernheim im Frankfurter Opernhaus. Foto: Barbara Aumüller
Benjamin Bernheim im Frankfurter Opernhaus. Foto: Barbara Aumüller © Barbara Aumüller

Der französische Tenor Benjamin Bernheim mit der Pianistin Carrie-Ann Matheson beim Liederabend in der Oper Frankfurt.

Es ist ein anderer Klang, der sich einstellt zu „Wie sturmestot die Särge schlummerten“ und „Ich erwach’ und weine bitterlich“ als zu „Schönheit, Überfluss, Ruhe und Wollust“. Ersteres ist deutsch-romantischer Ton, dem immer schon ein Funke Expressionismus innewohnt, Letzteres französische Erhabenheit des Erotischen, gefeiert in Glück und Leid.

Brahms stand am Beginn des Programms, das der französische Tenor Benjamin Bernheim beim Liederabend der Frankfurter Oper bestritt. Für eine frankophone Stimme waren „Die Mainacht“ oder „Auf dem Kirchhofe“ trotz ihrer klanglichen Zurückhaltung doch eine Herausforderung. Das Anschleifen erster Töne, Drücker bei punktuellen Höhen, Stimmportamenti bei großen Intervallen, das konnte am Gesang des 37-jährigen Franzosen zunächst irritieren.

Dagegen fiel es bei dem selber durchaus auch französisch orientierten Robert Schumann und seiner „Dichterliebe“ kaum ins Gewicht. Hier kam ja auch der Klavierkomponist voll zur Geltung, der die 16 kurzen Lieder des Dichterleidens zu einem Fries vokal-pianistischer Bilder fürs Ohr geschaffen hat. Wie viel das Klavier hier zur Sache beiträgt, war Carrie-Ann Matheson zu verdanken, der Pianistin, Pädagogin und Dirigentin. Mit deutlichem Profil bot sie die Lieder wie Klavierstücke mit eingewobener Gesangsstimme. Liedbegleitung als Deutungshorizont und Formklammer. Bernheims fließender Gesang passte trefflich zur wechselhaften Umstellung von Begleitung und Hauptstimme.

Bei den Werken nach der Pause mit ihren ruhigen, langbogigen und fast bis ins Beiläufige reichenden Intonationen kam der Tenor dann gänzlich zur Präsenz. Drei Lieder von Henry Duparc in einem impressiven Habitus auf der Grundlage der Sinneseindrücke notierenden Lyrik de Lisles und Baudelaires waren perfekte Wort-Ton-Verbindungen des Frankophonen.

Auf Jessye Normans Spuren

Erst recht galt das für das Hauptwerk des Abends, das halbstündige „Poème de l’amour et la mer“, das Ernest Chausson auf einen Text Maurice Bouchors komponierte. Ungemein dezent gefasste Melancholie, der Bernheim alles gab. In fast ausdruckslosen Schwebungen einer Atmosphäre der Vergeblichkeit – einer Art sinnender Wollust. Jessye Norman hat das Werk in seiner Originalgestalt für Orchester und Sopran zu einem Denkmal gemacht. Das Klavier konnte da nur ein Hinweisgeber sein. Aber Matheson vermochte es, die Versunkenheit der Stimme Bernheims in den schönsten Rahmen zu stellen.

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