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Liederabend Catriona Morison: Wer die Sehnsucht kennt

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Von: Judith von Sternburg

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Catriona Morison in Frankfurt, am Klavier Malcolm Martineau.
Catriona Morison in Frankfurt, am Klavier Malcolm Martineau. © Barbara Aumüller

Catriona Morison als wunderbare Einspringerin mit Malcolm Martineau beim Liederabend der Oper Frankfurt.

Ersatzprogramme ärgern meistens nur aus Prinzip und erweitern dann den Horizont. Statt der sehr kurzfristig ausgefallenen Claudia Mahnke gab es diesmal das überzeugende Hausdebüt der 1986 in Edinburgh geborenen Mezzosopranistin Catriona Morison. In großem Einverständnis mit ihrem Landsmann Malcolm Martineau am Flügel, dem Publikum der Liederabende in der Oper Frankfurt wohlbekannt, bot sie ein klassisch orientiertes Programm: eine Variation ihrer mit Martineau eingespielten CD „The dark night has vanished“ (die man daraufhin sofort haben will, erschienen ist sie 2021 beim Label Linn), dazu Gustav Mahlers Rückert-Lieder, die dem Abend noch einmal eine ganz andere Wendung gaben.

Denn die Auswahl von Edvard Grieg (Sechs Lieder op. 48), Robert Schumann (fünf Lieder aus „Myrthen“ op. 25), Josephine Lang und Johannes Brahms war eine so astreine romantische Hausmusik, dass Mahler einmal wieder die Tür in eine andere, gegenwärtige Dimension aufstieß. Zugleich ließ Morison – mit Notenpult, wie es immer häufiger zu sehen und gewiss vernünftig ist – ihre Stimme jetzt enorm aufblühen und -glühen, während sie zuvor mit schöner, sehr geschmackssicherer Beiläufigkeit durch die Nummern flaniert war.

Morisons Stimme ließ angenehme Tiefen und sichere Höhen hören, und individuelle Spuren einer Rauheit, die dann bei Mahler wie weggeblasen war. Sie betonte das Natürliche noch mehr, das das Kunstlied in seiner ganzen Künstlichkeit ja will. Wenn Catriona Morison singt, dass die Schwalben kommen, aber sie nicht weiß, woher, dann glaubt man es ihr aufs Wort. Ihre Haltung: Hingabe ohne Süßlichkeit. Die Textverständlichkeit herausragend (im fix nachgedruckten Programm gab es keine Liedertexte zum Mitlesen).

Das Programm komplett deutschsprachig – auch Grieg vertonte hier deutsche Lyrik –, was den Eindruck der Einheitlichkeit verstärkte. Interessant selbstverständlich, wie reizvoll sich die gegenwärtig wieder auf mehr Interesse stoßende Liedkomponistin Lang (1815–1880) unter die vertrauten Namen mischte. „Mignons Klage“ nach Goethe, denn auch sie greift zu den Klassikern, gestaltet sich bei ihr besonders leidenschaftlich, durchaus konventionell, aber abwechslungsreich.

So diskret erschienen Programm und Morisons Darbietung, dass Ausschläge aller Art deutlich wurden. Die zivilisierte Ekstase in Brahms’ „Meine Liebe ist grün“: selten wird sie so fein gestrickt und entwickelt – dass in der Tat einige Lieder sich mit dem Brahms-Duett-Abend von Diana Damrau und Jonas Kaufmann am vergangenen Wochenende in der Alten Oper deckten, betonte den intimen und glücklicheren Rahmen im Opernhaus. Und wie innig Morisons Gestaltung ist, Mimik und Gestik dabei anrührend altmodisch, mit ein bisschen Selbstironie, aber doch von großem Ernst. Das fünfte der Rückert-Lieder, „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, war folgerichtig ein Verklingen und Verschwinden. Dass Morison ihre Stimme auch strahlen lassen kann, hatte sie zuvor in „Um Mitternacht“ demonstriert.

Erst in den Zugaben sang Catriona Morison, demnächst wieder als Komponist in „Ariadne auf Naxos“ an den Wuppertaler Bühnen zu erleben, noch zwei schottische Volkslieder. Vor allem Benjamin Brittens zartes Arrangement des Songs „Ca’ the yowes“ war betörend.

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