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Jürgen Marcus begann überaus ambitioniert zu einer Zeit, als man im Schlagergenre hörbar darum bemüht war, die Genregrenzen in Richtung Pop aufzulösen.

Jürgen Marcus

Lieder ziehen hinaus in die Welt

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Zum Tod des Schlagersängers Jürgen Marcus, der mit 69 Jahren einer chronischen Krankheit erlag.

Ich glaube an die Welt“ war 2004 der Titel eines Albums, mit dem Jürgen Marcus den Versuch unternahm, an seine Erfolge der siebziger Jahre anzuknüpfen. Mit mäßigem Echo. Der Schlager befand sich als Genre zwar in einer Retro-Phase, aber um durchzudringen, bedurfte es raffinierter Veredelungsstrategien. Immerhin bewegte das Album die Produzenten zwei Jahre später dazu, ein Weihnachtsalbum herauszubringen, das in der Branche als eine Art symbolische Anerkennung für eine lange Publikumskarriere gilt.

Jürgen Marcus, der am 6. Juni 1948 unter dem Namen Jürgen Beumer geboren wurde, begann überaus ambitioniert zu einer Zeit, als man im Schlagergenre hörbar darum bemüht war, die Genregrenzen in Richtung Pop aufzulösen. Für Jürgen Marcus war das eine Art Initialzündung. 1969 erhielt er eine Hauptrolle in der deutschen Version des Musicals „Hair“, das sich im Rückblick als erstaunliches Sprungbrett in eine musikalische Karriere erwies. Zu den Bühnenkollegen von Jürgen Marcus gehörte die Disco-Legende Donna Summer ebenso wie Su Kramer und Rainer Schöne. Jürgen Marcus verkörperte in „Hair“ Claude Hooper Bukowski, der als Kind osteuropäischer Einwanderer in Kontakt mit der amerikanischen Hippiebewegung gerät und sich vor die Wahl zwischen Patriotismus und Pazifismus gestellt sieht.

In der deutschen Schlagerwelt ging es da deutlich einfacher zu. Die erste Single von Jürgen Marcus hieß „Nur Du“ und war eine von Jack White produzierte Coverversion des Weltmusik-Traditionals „El Cóndor pasa“, das in der Fassung von Simon & Garfunkel in vielen Ländern ein großer Hit war. Die Zusammenarbeit mit Jack White währte fast zehn Jahre und brachte die größten Erfolge für Jürgen Marcus hervor. „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ war 15 Wochen in den Top Ten der deutschen Charts und wurde zu einer langlebigen Erkennungsmelodie für den blonden Sänger, der durch seine äußere Erscheinung für beinahe alle Altersklassen attraktiv erschien. Weitere populäre Mitsing-Hits waren „Ein Festival der Liebe“, „Schmetterlinge können nicht weinen“ und „Ein Lied zieht hinaus in die Welt“, mit dem er im Jahr 1975 beim Grand Prix Eurovision de la Chanson den 9. Platz belegte.

2011 erlitt Jürgen Marcus bei einem Sturz auf winterlichem Glatteis einen schweren Schulterbruch, ein Jahr später mied er wegen der chronischen Lungenerkrankung COPD die Öffentlichkeit. Jürgen Marcus, der sich 1991 als Homosexueller geoutet hatte, zog sich aus gesundheitlichen Gründen aus dem Showgeschäft zurück. In einem Interview über seine Karriere sagte er: „Ich denke, dass ich meine Aufgabe erfüllt habe.“

Wie erst jetzt bekannt wurde, starb Jürgen Marcus Mitte Mai im Alter von 69 Jahren.

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