Auf dem Wasser zu singen, hier im Universitätsviertel Dorsoduo. Francois Xavier Marit/afp
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Auf dem Wasser zu singen, hier im Universitätsviertel Dorsoduo. 

Gondoliere-Lieder

Lieder aus Venedig: Für die Sehnsucht

  • vonStefan Schickhaus
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Soundscapes mit Gondelliedern: Der Bariton Holger Falk und das Elektroakustik-Duo Merzouga holen Venedig ins Wohnzimmer.

Als im Sommer 2018 Holger Falk und seine Musiker im WDR-Funkhaus in Köln das Album „Il Gondoliere Veneziano“ aufgenommen haben, konnten sie nicht wissen, mit welchen Ohren man das Ergebnis heute hören würde. Ebenso, als dann Ende 2018 die Computermusikerin Eva Pöpplein sich mit dem Sänger in Venedig traf: Sie nahm akustische Schnappschüsse und Soundscapes der Lagunenstadt auf, um daraus mit ihrem Partner vom Klangkunst-Duo Merzouga eine elektroakustische Sound-Collage zu erstellen.

Heute, im Sommer 2020, ist diese CD zum Sehnsuchtsort geworden: Venedig ist immer noch kein unbeschwertes Reiseziel, das akustische Venedig-Bild fast verklärend. In den im Laufe der CD zunehmend freier verarbeiteten Soundscapes – die Urheber sprechen von „inszenierten Field-Recordings“ – erkennt man Vaporetto-Ansagen („Nextäää stoppäää: Rialto“), Stimmengewirr vom Fischmarkt, verwehte Kirchenglocken, Wasser und Möwen.

Das Album:

Holger Falk/ Nuovo Aspetto/ Merzouga: Il Gondoliere Veneziano. Prospero.

Und Holger Falk, der Frankfurter Bariton, singt dazwischen jene „Canzoni di battello“, die die venezianischen Gondoliere im 17. und 18. Jahrhundert bei der Arbeit gesungen haben und von denen schon Goethe, Rousseau und Mozart schwärmten. In den 1740ern hatte ein Londoner Verleger eine Sammlung dieser populären Lieder herausgegeben, auf ihr basiert diese Produktion.

Schon ein Zitat dieser Fährmannskunst ist die vergleichsweise junge Canzone „La biondina in gondoletta“ von Johann Simon Mayr, die meisten der früheren Komponistennamen sind unbekannt. Die Ebenen der Volks- und der Kunstmusik mischen sich hier, eingängig und ungemein reizvoll sind sie gleichermaßen. Und Holger Falk, der eigentlich so gut wie ausschließlich im Bereich der zeitgenössischen Musik zu Hause ist und der hier seinen ersten CD-Abstecher ins Barocke macht, weiß, dass man schlichte Strophenlieder nicht dahinplätschern lassen darf wie eine Gondel mit japanischen Touristen.

Er versteht es, vokal zu grimassieren: Er zetert und züngelt, säuselt und näselt – dort wo es passt. Aber er kann auch natürlich schön – dass Falk über einen Bariton von ausgesprochen wohlklingender Substanz verfügt und dass er Linien ganz organisch atmend gestaltet, hat er bereits bei seinem letzten CD-Projekt bewiesen, einer hoch gelobten Serie der Lieder von Hanns Eisler.

Mit in der Gondel des singenden Steuermanns sitzt das Ensemble Nuovo Aspetto. Stilistisch fühlt man sich hier an Christina Pluhars Barocktruppe L’Arpeggiata erinnert, was am rhythmisch prägnanten, ja perkussiven und dabei agogisch freien Musizieren liegen könnte, aber auch an der Continuo-starken Besetzung mit Laute, Harfe, Gambe und Barockgitarre. Und am deutlichsten an der Verwendung des Salterio, gespielt von Elisabeth Seitz. Das Salterio, das barocke Hackbrett, passt perfekt nach Venedig: Antonio Vivaldi hat diesen so süß klingenden Exoten sogar in einer seiner Opern verlangt. Die Gondoliere von einst könnten es also gekannt haben.

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