Kurhaus Wiesbaden

„Das Lied von der Erde“ in Wiesbaden: So raffiniert, so regelkonform

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Mahlers „Lied von der Erde“ in der Fassung für Kammerensemble ist ein Werk der Stunde, jetzt mit Michael Volle und Klaus Florian Vogt in Wiesbaden.

Noch einmal standen die großen Sänger Klaus Florian Vogt und Michael Volle dem ambitionierten Ersatzspielplan des Wiesbadener Staatstheaters zur Verfügung. Unter normalen Umständen wären die beiden inzwischen längst oder sehr bald in Bayreuth, wo sie für den Festspielbeginn Ende des Monats als Stolzing und Sachs in der Wiederaufnahme der „Meistersinger“ engagiert waren, Vogt wäre zudem der Siegmund im neuen „Ring“ gewesen. Stattdessen also zwei Abende mit Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ in der Fassung für Kammerensemble, die vor Kurzem schon in Mainz zu erleben war und dem Konzertpublikum in den nächsten Monaten noch häufiger begegnen dürfte als sonst schon. Denn die Fassung von Arnold Schönberg, Jahrzehnte später in den 80ern von Rainer Riehn vervollständigt, überzeugt in ihrer Modernität, Finesse und Fülle wie auch in der Rücksicht auf Abstandsregelungen.

Wege durchs Geflecht

Hatten die Mainzer sich zu vierzehnt – dazu noch Tenor und Mezzosopran – mithilfe ihres Konzertmeisters allein den Weg durch das hochkomplizierte Geflecht gebahnt, dirigierte im Wiesbadener Kurhaus Generalmusikdirektor Patrick Lange. 18 Musikerinnen und Musiker des Staatsorchesters verstärkten für entwöhnte Ohren den Eindruck von einem Fast-schon-nicht-mehr-Kammerkonzert. Interessant, dass auch hier und trotz des Dirigenten das rhythmisch vertrackte Bauwerk gelegentlich ins Schwanken geraten konnte. Auch die Sänger: souverän, aber in Alarmbereitschaft. Gerade das langsame und langsam immer mehr auseinanderfallende Schlussstück: eine Herausforderung.

Fantastisch, dieses Duo zu erleben, das sich seiner Aufgabe denkbar unterschiedlich näherte. Vogt war so ganz Vogt, mit durchaus forcierten, aber eben dann auch stets glückenden Höhen und mit jener unangreifbaren Lohengrin-Unschuld, die im Zusammenhang mit dem „Lied von der Erde“ in ihrer Arglosigkeit auch irritiert. „Der Trunkene im Frühling“ soll zwar „keck“ singen, aber irgendetwas Abgründiges kommt hier normalerweise schon ins Spiel. Ganz anders ging Volle mit seiner allerdings auch ungewohnteren Partie um (Bariton-Besetzungen sind hier nicht unmöglich, aber doch selten). Mit der ihm eigenen Virtuosität bewegte er sich wie auf fremdem Terrain, diskret und scheu sich vortastend, die Stimme zurückgenommen und empfindlich. Dass das manchmal fast einen Zug ins Parodistische bekam – in der überwältigend ausdifferenzierten Interpretation in „Von der Jugend“ – machte es nur noch aufregender. Ein großes, unerwartetes Erlebnis.

Auch im Thiersch-Saal des Kurhauses war die Bestuhlung unten weitgehend entfernt worden (akustisch war es ziemlich hallig). Hier saßen die Menschen auf Inselchen zu zweit oder zu dritt. Vielleicht ist das doch die attraktivste Lösung: Nicht zu demonstrieren, wie wenige Plätze besetzt sind, sondern daraus eine exklusive Salonatmosphäre zu machen. In der Tat waren ja beide Abende völlig ausverkauft und hielt schlanker, aber vernehmlicher Jubel lange an.

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