Staatstheater

„Das Lied von der Erde“ in Mainz: Von der Schönheit

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, natürlich in der Fassung für kleines Ensemble in Mainz.

Gustav Mahlers Zyklus „Das Lied von der Erde“ zeigt sich in der Fassung für kleines Ensemble von Arnold Schönberg (in den 1980er Jahren fertiggestellt von Rainer Riehn) adäquat und von kristallener Transparenz. Die Musik wirkt dadurch nicht dünn, sondern angeschärft und sehr spannend, als wäre man endlich einmal zum supermodernen Kern, nein, Skelett der Komposition vorgedrungen. Das dreinfahrende Cello im „Trinklied vom Jammer der Erde“, die grelle Flöte in „Von der Jugend“, das sind zudem effektvolle Alternativen zum Orchesterbrausen, in Mainz jetzt mit Verve vorgetragen.

Alles, was derzeit möglich ist

Denn hinzu kommt noch, dass das Werk den gegenwärtigen Abstandsregeln für das Bühnengeschehen zuträglich ist. Das Konzertpublikum wird in den kommenden Monaten zweifellos Gelegenheit haben, das selbst zu erleben. Den Anfang machte das Staatstheater Mainz, eine Fortsetzung wird es Anfang Juli (zweimal!) in Wiesbaden geben, dann mit zwei Männerstimmen, Klaus Florian Vogt und Michael Volle. Im Mainzer Kleinen Haus übernahmen Linda Sommerhage und Alexander Spemann die Solistenrollen, wobei auch die 14 Musikerinnen und Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters solistisch auftraten, ein insgesamt also 16-köpfiges Ensemble, das von Mihail Katev an der ersten Violine diskret angeführt, gelegentlich auch regelrecht dirigiert wurde.

Die kleine fitte Gruppe machte der Vorstellung alle Ehre, dass ein Orchester eben doch kein Apparat, sondern ein Organismus ist. Mit guten Ohren und klaren Empfindungen bahnte sie sich den Weg durch die komplex gebaute, durch die Reduzierungen jedes Missgeschick noch deutlicher ausstellende Musik. Dass das nicht in jedem Moment lupenrein gelang, machte es noch lebendiger. Die zwingende Logik der Musik führte auch alles immer wieder zusammen.

Spemanns schöner, leichter, sehr lichter Tenor kam angesichts der brutalen Partie gelegentlich an den Rand seiner Kräfte – an den Rand des Menschenmöglichen, muss man allerdings auch sagen –, es gelangen jedoch schneidende und fein ausformulierte Passagen. Sommerhage bot das golden-dunkle Gegenstück, das sich beim endlosen „Abschied“ über die sanft gluckernde und wallende Instrumentalsee legte.

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