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Leonard Cohen (l.) und Sohn Adam präsentieren „You Want It Darker“.

Postumes Album

Leonard Cohen: „Thanks For The Dance“ – Er hat es nie Kunst genannt

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Drei Jahre nach seinem Tod erscheint ein neues Album von Leonard Cohen: „Thanks For The Dance“.

Wenn jetzt drei Jahre nach seinem Tod ein Album mit letzten Worten des großen Songpoeten Leonard Cohen das Ohr der Öffentlichkeit erreicht, vollendet sich ein Werk von phänomenalem spirituellen Einklang. Letzte Worte hatte Cohen schon auf seiner ersten LP von 1967 gesungen oder vielmehr geraunt. Die Transformation von Denken und Fühlen in Dichtung war für ihn zeit seines Lebens ein nahezu sakramentaler Schöpfungsakt, und so ist es nun auch bis über sein Ende hinaus. Nur wenige Tage bevor er am 7. November 2016 an den Folgen seiner Krebserkrankung starb, hatte er das Album „You Want It Darker“ herausgebracht, das man nicht nur aufgrund der Umstände für sein Vermächtnis halten musste. Jede Strophe dort klang nach einem Abschied von der Welt.

Wie sich nun herausstellt, war es nicht das letzte Testament. Es ist, als würde Leonard Cohen noch einmal kurz vor den Vorhang treten, um für sein Publikum den Hut zu lupfen. „Thanks For the Dance“ versammelt auf 29 Minuten Länge neun Lieder, denen man die außergewöhnliche Art und Weise ihres Entstehens nicht anmerkt. Grundlage der Aufnahmen bilden Texte, die der 82-Jährige in den letzten Tagen seines Lebens eingesprochen hat. Er konnte zu dieser Zeit schon nicht mehr sein Haus in Montreal verlassen und war wegen Frakturen an seiner Wirbelsäule auf einen Spezialsessel angewiesen. Was den Liedern und Poemen so gut wie gar nicht anzuhören ist. Cohen deklamiert mit einer Stimme, deren sonores Timbre einen geradewegs zu hypnotisieren vermag. Vorsicht beim Gebrauch von Kopfhörern! Das zieht einen tief hinein und hinunter.

Musikalisch bearbeitet wurden die Textpassagen von Adam Cohen, der die nachgelassenen Zeilen sehr behutsam in Melodien kleidete, von denen er sicher zu recht annimmt, dass sie seinem Vater gefallen hätten. Schließlich war er derjenige, der ihn bis zum Schluss begleitete. Es gab ein paar prominente Produzenten, die sich für die Nachlassverwaltung ins Gespräch gebracht hatten, neben Don Was (Brian Wilson) und Daniel Lanois (Bob Dylan) natürlich auch Rick Rubin, dessen Arbeit mit dem vom Tode gezeichneten Johnny Cash legendär geworden ist. Adam Cohen, der als singender Songwriter selbst bisher einigermaßen erfolglos blieb, traute sich das Werk der Vollendung zu, und es ist ihm gelungen.

Thematisch geht es bei Cohen auch auf dem 15. und finalen Album um alles: Gott, die Liebe und den Tod. Die Bilanz ist gemischt. „I was always working steady. But I never called it art“, heißt es zum Auftakt in „Happens to the Heart“ Ich habe immer hart gearbeitet, es aber nie Kunst genannt. Dazu erklingen dunkle Klavierakkorde, hier und da eine spanische Gitarre und am Ende schwellen Streicher an. Es hat gar keinen Sinn, sich hier Zeile für Zeile durch diese poetische Landschaft zu fransen, deren neun Strophen sich ohnehin nicht übersetzen lassen.

Leonard Cohen: Thanks For the Dance.

Sehr viel nahbarer wird er dann schon bei „Moving On“, einem Lied, das Leonard Cohen geschrieben hat, nachdem er vom Tod seiner großen Liebe Marianne Ihlen erfahren hat, der er auf seinem ersten Album das Lied „So Long, Marianne“ gewidmet hatte. Mit ihr hatte er einst auf der griechischen Insel Hydra zusammengelebt und ein griechisches Motiv erklingt hier zur Eröffnung. „I loved your face, I loved your hair. I loved your T-Shirts and your evenig wear.“ Er liebte alles an ihr, so einfach. Aber dann war es vorbei. „Who’s moving on? Who’s kidding who?“ Wer ist hier gegangen? Wer hat wen veräppelt? Die ewige Frage, auf die es nie eine gültige Antwort gibt. Liebeskummer eines Experten, der seinen Frauen selbst manchen Kummer bereitet haben dürfte.

Eine von ihnen war die Sängerin Anjani Thomas, der er 2006 das Lied „Thanks For the Dance“ für deren Jazzalbum „Blue Alert“ geschrieben hatte. Hier nun interpretiert er den letzten Walzer auf eine Weise, die seine Unwiderstehlichkeit für alle Zeit fixiert. Wie er sie bewundert, mit der Rose in ihrem Haar, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei. Doch die Krise schwebt über ihnen, leicht wie eine Feder. Dazu erheben Leslie Feist, Jennifer Warnes, Damien Rice und Beck ihre Stimmen zum Lalala-Chor.

So bittersüß die Erinnerung an verglühte Liebesaffären auch ist, so sehr treffen die existenziellen Songs ins Schmerzzentrum. „The Goal“ ist nur ganze 72 Sekunden lang. „I can’t leave my house or answer the phone.“ Ich komme nicht aus dem Haus und nicht ans Telefon. „I sit in my chair, I look at the street, the neighbour returns my smile of defeat.“ Ich sitze im Sessel und schaue hinaus, der Nachbar erwidert mein müdes Lächeln. In „Puppets“ stellt er sich die Welt am Faden vor. „Puppet me, puppet you, puppet Germans burnt the jew.“ Alles ist Schicksal in den Händen des großen Spielers.

Und dann beginnt man sich zu fragen, wie dieses Werk nach einem halben Jahrhundert nun verklingen wird. Hört nicht mir zu, empfiehlt er in „Listen to the Hummingbird“. Hört auf den Kolibri. Der Ratschlag eines alten weisen Mannes.

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