Eine klassische chauvinistische Mackershow ist das nicht von Lenny Kravitz.
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Eine klassische chauvinistische Mackershow ist das nicht von Lenny Kravitz.

Festhalle Frankfurt

Lenny Kravitz überrascht in Frankfurt

  • vonNicklas Baschek
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Lenny Kravitz überzeugt in der Frankfurter Festhalle mit Präzision und neuen Songs. Dabei verzichtet er auf eine klassische chauvinistische Mackershow.

Die Männer tragen Hemden in Blau und in Weiß, die Frauen tragen lange Haare oder Undercuts, das Alter ist über Vierzig, das könnte auch daran liegen, dass die Tickets knapp hundert Euro kosten, die Bandshirts fünfunddreißig, das Bier vier Euro, der Wein sechs. Die Menschen kommen von der Arbeit direkt hierher, Vollbeschäftigung ist fake, die Festhalle ist schon verkleinert, dennoch ist viel viel Platz. Lenny Kravitz war ein paar Jahre nicht mehr unterwegs, im September kommt sein neues Album „Raise Vibration“ heraus, er wird einige Songs davon spielen, die zu den besten des Abends gehören werden. 

Nach dem Support Curtis Harding läuft Classic Rock und Soul und Pop, das passt natürlich zum Werk Kravitz’, hinter der Theke hängen Plakate zu den zukünftigen Shows: Steffen Henssler kommt mit der weltgrößten Kochshow, „Game of Thrones“ mit Filmmusik. Ein Mann wartet, bis der Schaum aus seinem Bier verschwunden ist, dann kontrolliert er den Eichstrich. Er beschwert sich. 

Die Band geht zu „A Love Supreme“ von John Coltrane auf die Bühne, ich habe die verschollene Platte noch gar nicht gehört, die jüngst gefunden wurde von ihm. Kravitz steht im Blau und im Rot, er ist gerahmt von zwei Hörnern, zum ersten Song noch oberhalb seiner sehr präzisen Band. Kravitz steigt mit „Fly away“ ein, der Sound ist gut, er wuchtet sich durch die ersten Songs. 

Nun macht den Großteil des Werkes Kravitz’ eine Aktualisierung aus, er nimmt den Rock und den Soul aus den 60ern und 70ern und bei ihm ist das eben auf der Höhe des Jahres 2000 produziert, trocken und scharf, seine Stimme warm und ein bisschen sexy. Eine klassische chauvinistische Mackershow ist das nicht, das ist gut. Kein Fuß auf der Monitorbox, er tanzt mit den Füßen beieinander, er macht sich schmal auf der Bühne, die Arme in der Luft. Nach „American Woman“ steht er am Bühnenrand und verteilt Zeigefinger und Daumenhoch wie im Wahlkampf, er fasst sich ans Herz, betont, wie dankbar er sei. Womöglich hat er das schon öfter gemacht. 

Ich überlegte zuvor, wie die Singles noch mal alle heißen, die Kravitz in den letzten 30 Jahren schrieb, mir fällt wenig ein. Live fällt auf, wie beachtlich viele Hits er tatsächlich geschrieben hat. Ich erinnere mich an die Songs vom ersten gespielten Ton an, aber es ist ein passives Wissen, kühl, folgenlos. Er leitet eine schauderhafte Reihe von Balladen ein, indem er das große „It Ain’t Over Till It’s Over“ ansäuselt. „If you want it you got to believe.“ Es fällt auch auf, was für ein limitierter Texter Kravitz ist.

Zwischendrin meint er, man müsse mal neue Musik spielen, das stimmt sehr. Und tatsächlich überrascht das, was kommt: Er spielt „It’s Enough“, einen modernen Protestsong über einer wummernden Basslinie im Stile Marvin Gayes. Auch in „Low“, dem zweiten bereits bekannten Song vom kommenden Album haben sich die Vorzeichen verkehrt: Das Schlagzeug hallt, es ist keine bloße Begleitung mehr, sondern im Fokus, die Gitarren treten zurück. Das könnte etwas sein: ein Sound, der ein paar weniger Tote zitiert. 

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