Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Camilla Nyland als Gräfin Madeleine: Gleich wird sie das Barockkleid gegen einen Mantel tauschen, um in den Widerstand zu gehen.
+
Camilla Nyland als Gräfin Madeleine: Gleich wird sie das Barockkleid gegen einen Mantel tauschen, um in den Widerstand zu gehen.

Oper Frankfurt

Die leisen Stiche der Dissonanz

  • Hans-Klaus Jungheinrich
    VonHans-Klaus Jungheinrich
    schließen

Szenisch und musikalisch meisterhaft: Richard Strauss? "Capriccio" an der Oper Frankfurt.

Lange brüteten die Autoren – Richard Strauss und sein Textmitarbeiter Clemens Krauss – über dem Titel ihrer ganz besonderen Oper, bevor sie sich für das neutrale, wenig verratende „Capriccio“ entschieden (damit auch die autobiographische Strauss-Ehekomödie „Intermezzo“ assoziierend). Ein italienischer Titel zu einem französisch geprägten Sujet, gespickt auch mit französischen Text- und Musikzitaten (Ronsard, Pascal, Lully, Rameau). Der Esprit des ausgehenden Ancien Regime und der rationalistischen Debatten um die Gluck’sche Opernreform in einem Werk, das mitten im Zweiten Weltkrieg (1941) entstand und uraufgeführt wurde (1942): War das nicht doch auch eine sublime, in Politik- und Aktualitätsflucht verkleidete Widerstandsgeste gegen die Naziherrschaft, deren Halbfreunde und –nutznießer der prominenteste deutsche Komponist und vor allem der literarisierende Dirigent doch auch waren?

„Capriccio“ erwies sich nach 1945 als ein musikintellektuell ungemein anziehendes, im Opernbetrieb auch gelinde erfolgreiches Stück, das zugleich einen Giftstachel enthielt. Schien es nicht frivol, in Katastrophenjahren an erlesenen ästhetischen Theorien, präsentiert in aristokratischem Rahmen, sich zu delektieren? In Frankfurt war nun die dritte Inszenierung der Strauss-Oper im selben Haus nach 1945 zu erleben.

Begnadeter Premierenabend

Aller guten Dinge sind drei, und diesmal machte die Annäherung an „Capriccio“ den Eindruck eines Durchbruchs. Wenn es so etwas wie eine „Modellaufführung“ gibt, so wäre die Regiearbeit von Brigitte Fassbaender als solche zu apostrophieren: eine Bühnenoptik, die einen denkbar weiten interpretatorischen Möglichkeitsraum ausmisst, aber immer in Respekt vor dem Werk – ohne dessen komplexes forminhaltliches Gewebe zu zerreißen und die Willkür eigener Obsessionen triumphieren zu lassen. Mithin: besonnenes, unaufdringliches, zugleich gedanklich mutig-entschiedenes Regietheater. 

Hatte man (gerade die Frankfurter) „Capriccio“-Inszenierungen nicht doch als etwas trocken oder fad in Erinnerung? Keine Spur davon an diesem begnadeten Premierenabend. Da ging es durchweg lustig zu, ungewöhnlich burlesk. Die Personen: keine Thesen-Sprachrohre, sondern lebendige, animierte Menschen, bisweilen temperamentvoll und brüsk sich anrempelnd.  Die meisten in erotisch affiziertem Zustand: der Musiker Flamand (AJ Glueckert mit auffallend virilem, fast baritonalem Timbre) und der Dichter Olivier (Daniel Schmutzhard, hitzige Impulsivität mit klarer Artikulation verbindend) als heftige Konkurrenten in der Gunst der Gräfin Madeleine. Deren geistreich-lebemännischer Bruder (Gordon Bintner mit schneidender Stimmeleganz) auf Abenteuersuche hinter der kapriziös entflammbaren Schauspielerin Clairon her (mit einem Furioso mezzosopranesker Eloquenz: Tanja Ariane Baumgartner). Dann der monumental-komische und ridikül-würdevolle Theaterdirektor La Roche mit seinem anrührend-selbstgefälligen Monolog (Alfred Reiter, weniger in gemütlichem Bassbuffo-Sound sich ergehend als pointiert deklamatorisch orientiert). In seinem Schlepptau eine ihm sichtlich in jedem Betracht ergebene minderjährige Tänzerin (mit apart klassiksprengenden Extras: Katharina Wiedenhofer) und ein sich ausführlich in karikiertes Belcanto bettendes italienisches Sängerpaar (Sydney Mancasola, Mario Chang). 

Sie alle versammeln sich an einem Nachmittag des Jahres 1775 in einem vornehmen Salon, um ein Huldigungsfestspiel für die Hausherrin vorzubereiten. Die züngelnden erotischen Rivalitäten unter ihnen sind der Hintergrund ihrer Theater- und Kunstgespräche, in denen es auch um einen Rangstreit zwischen Musik und Poesie geht („prima le parole, dopo la musica“ beziehungsweise umgekehrt). Heraus kommt, nach dem frappierenden Vorschlag des Grafen, die Geburt einer Oper, die ebendiesen Nachmittag und die Personen im Salon zum Inhalt haben soll. „Capriccio“, eine brillant selbstreferentielle Sache.

Ein Subtext verleiht dem Stück eine weitere Dimension

In Frankfurt gibt es dazu jetzt aber noch einen Subtext, der dem Stück eine zusätzliche Dimension verleiht. Das enthüllt sich sofort, wenn im vibrierenden Moll-Mittelteil des ouvertürenartig einleitenden Streichsextetts der pompöse Vorhang sich hebt (übrigens eine exakte Plüschimitat-Kopie des Vorhangs aus dem Pariser Palais Garnier) und den Blick auf die Szene freigibt, eine Art Orangerie mit vereisten Glaswänden (alle Personen frieren, es wird schlecht geheizt in diesen Zeiten) und hinten einer weiteren Bühne. 

Ein undurchsichtiges Personengewusel und die Kleidung (Ausstattung: Johannes Leiacker) signalisieren: Das Ganze spielt nun in den 1940er Jahren, im besetzten Paris der Kollaborateure und der Résistance. Nach und nach stellt sich heraus: Anders als die ahnungslosen Kunstfreunde ist die Gräfin eingebunden in die französische Widerstandsbewegung. In einer Ecke des Salons befindet sich ein Waffendepot. Die in Instrumentenkästen versteckten Gewehre werden kurz von der Dienereqipe begutachtet (drittletzte Szene) und ganz zum Schluss von den nun zum Einsatz bereiten selben Männern an sich genommen. Ihnen schließt sich die Gräfin in Militärmantel und Käppi als Mitkämpferin an. Diese atemberaubende Wendung wird, wie alles in dieser staunenswerten, ja perfekten Bühnenerzählung, sorgfältig vorbereitet, so dass die Vorgänge ganz logisch anmuten. Alle Figuren treten schon lange vor ihrem „offiziellen“ Erscheinen auf, auch der Souffleur Monsieur Taupe, der von Graham Clark eher bleckend à la Mime als dumpf-visionär gebracht wird – ist er womöglich ein Spitzel? Bei ihrem wunderbaren Schlussmonolog geht Madeleine sonderbar vertraulich mit ihrem Haushofmeister um (vollendet diskret: Gugen Baveyan), er zeigt sich ja dann als ihr politischer Genosse.

Vor ihrer Mission zieht die Gräfin ihr spektakuläres Barockkleid aus, mit dem sie ihre große Arie absolvierte. Das „zwischen zwei Feuern verbrennen“ hat bei ihr nun noch eine ganz andere Bedeutsamkeit als nur die Entscheidungsnot zwischen den beiden Liebhabern. 

Genuss mit Stachel

Camilla Nylund bleibt dieser vokalen Verzauberungsstrecke an Schmelz, betörendem Wohlklang und melancholisch-endzeitlicher Grundierung nichts schuldig (noch eine Antinomie: „Capriccio“ entstand in genau den Jahren, als Messiaen und Webern die seriellen Kompositionstechniken ersannen). Auch zuvor bestach sie mit klangvollem Parlando und einer vom Mondänen immer mehr zum Herzlichen (auch Echauffierten) sich wandelnden Ausstrahlung. Die volle Genialität des Leiacker’schen Bühnenbildes zeigte sich nochmals gegen Ende, wenn nach dem „Mondlicht“-Intermezzo zum zweiten Mal der Vorhang aufgeht und dieselbe Glaspalastszenerie nochmals erscheint, aber mit weit nach vorne gezogenen Fensterfronten.

Es fiel dem Dirigenten Sebastian Weigle offenbar nicht schwer, nach einem anfänglich etwas verhuschten Streichersextett der Musik zu einer dem szenischen Aplomb genau entsprechenden kraftvollen Lebhaftigkeit zu verhelfen. Mit der „exakten Chaotik“ des großen Oktetts in der Mitte des Stückes kulminierten die Lautstärken (hierzu, beim Stichwort „brennendes Karthago“, die bald die ganze Bühne erfüllenden Flimmerbilder bombenzerstörter Städte); mit der Mondmusik und den folgenden Sequenzen (nicht zuletzt der originellen Dienerszene) dominierten die behutsamen und subtilen Klangmischungen dieser herbstlichen Klangwelt. 

Als deren Merkzeichen kann der mild diatonale Schönklang des orchestralen Epilogs gelten, in den immer wieder ein dissonierender Dreiklang eingelassen ist, ein leiser, aber unhörbarer Stich in die wohlgefällige Euphonie. „Capriccio“: Genuss mit Stachel. Den anspruchsvollen Abend bestand das Publikum, mehrheitlich präpariert durch den hervorragenden Einführungsvortrag der Dramaturgin Mareike Wink, in begeisterter Applauslaune.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare