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Andris Nelsons dirigiert die Wiener in Frankfurt.

Wiener Philharmoniker

Es lebt!

Die Wiener Philharmoniker mit bedachtem Solisten in Frankfurts Alter Oper.

Von Judith Sternburg

Zu den Besonderheiten der Wiener Philharmoniker zählen nicht nur das Wiener Horn und die Organisationsform – alle Mitglieder müssen zum Orchester der Wiener Staatsoper gehören, sämtliche Entscheidungen werden demokratisch getroffen –, sondern auch ein überdurchschnittlich hoher Männeranteil. Er verschiebt sich unterdurchschnittlich langsam. Hörbare Vorteile bringt das nicht, so dass es zwangsläufig ein wenig borniert oder antiquiert wirkt. In diesem Jahr feiert das Orchester, das seit mehr als 80 Jahren ausschließlich mit Gastdirigenten arbeitet, den 175. Geburtstag – unter anderem mit einer Minitournee unter dem Letten Andris Nelsons.

Auch in der Alten Oper Frankfurt machte das Orchester Station und ließ eine weitere seiner Besonderheiten hören: Dass selbst große Solopartien gerne aus den eigenen Reihen besetzt werden. Der Ungar Tamás Varga war in Antonín Dvoráks Cellokonzert in H-Moll ein bedachter Solist, mit der Disziplin (und im Frack) des Orchestermusikers und in einer sympathisch antivirtuosen Grundhaltung, technisch dabei versiert und im Ton von unpathetischer, aber energischer Melancholie. Nelsons, derzeit mit modebewusstem Bart, dabei wie üblich locker (auch locker mit der Linken auf das Geländerchen gestützt) und zugleich immens präzise, schien für den direkten Kontakt zwischen ihm und dem Kollektiv zuständig zu sein. Vielleicht versteht man sich unter den Kollegen jedoch auch blind. Das Klangbild war jedenfalls ausgeglichen und stimmig.

Kein schlimmes Gewitter

Eleganz prägte den zweiten Teil, Ludwig van Beethovens 6. Sinfonie, die „Pastorale“, die Musiker vor ähnliche Herausforderungen stellen muss wie einen Faust-Darsteller der Osterspaziergang. Nelsons und die Wiener verzichteten auf einen eklatanten Zugang, milde gluckste der Bach, aber auch die Wucht des Gewitters musste niemanden verschrecken. Als Gegenteil eines Orchesterapparats trat der Orchesterapparat auf: fabelhaft organisch.

Als Zugabe gab es weiteren Beethoven, die Prometheus-Ouvertüre. „Wir brauchen dieses positive Feuer in diesen Tagen“, rief Nelsons in den Saal.

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