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Lebensraum Riff

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Der vorbildliche Robert Plant vor einigen Tagen in der der Schweiz.
Der vorbildliche Robert Plant vor einigen Tagen in der der Schweiz. © dpa

Robert Plant hält in der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst immer noch alles zusammen - erwähnt aber nicht ein einziges Mal seine berühmte Ex-Band Led Zeppelin.

Von Volker Schmidt

Du gehst ja nur zu Musikern über 60“, sagt die Nachbarin und bleibt daheim. Robert Plant wird im August 67, aber Altersdiskriminierung ist so fehl am Platz wie bei gutem Wein. Und das Konzert in der Jahrhunderthalle ist eines von nur zweien des ehemaligen Led-Zeppelin-Sängers in Deutschland. Das hat auch viele seiner Altersgenossen nach Frankfurt-Höchst getrieben. Die Vorgruppe The Kids of Adelaide, zwei Indie-Folk-Buben aus Stuttgart, reiben das Alter rein: „Der Song ist für meinen Vater, der bergsteigen ging, bis er nicht mehr konnte. Die Gebrechen des Alters, ihr kennt das vielleicht.“

Der Bandname The Sensational Space Shifters ist Programm bei Plant: musikalische Raum-Zeit-Verschiebung, psychedelische Bewusstseinserweiterung in rund drei Akkorden pro Song. Manchmal hilft die Lightshow mit. Aber wer auf die Idee gekommen ist, minutenlang grelle Scheinwerfer ins Publikum zu richten, möge das Schicksal des Ödipus teilen.

Der natürliche Lebensraum Plants ist das Riff. Led Zeppelin schufen aus kurzen Gitarrenphrasen den Hardrock. Badaabadaa-dap-dadadap-dadadap: „Whole Lotta Love“. Für die Space Shifters perfektes Baumaterial: Sie verzargen unverzagt die universell verwendbaren Powerchords mit Einflüssen etwa aus Afrika, für die der aus Gambia stammende Griot Juldeh Camara mit der Laute Kologo und dem Streichinstrument Riti zuständig ist. Oder mit trancigen Elektro-Eskapaden, hauptsächlich verantwortet von Keyboarder und Analog-Synthesizer-Knöpfchendreher John Baggott.

Folk-Klöppeleien zwischen Rocksäulen

Das ist große Oper, wie die Gitarristen Liam „Skin“ Tyson und Justin Adams – Veteran der Weltmusikszene – die Stromgitarren mit Banjo und der malischen Laute Tehardant vertauschen und luftige Folk-Klöppeleien zwischen massive Rocksäulen hängen. Das Material von Plants berühmter Ex-Band (die er kein einziges Mal nennt) hält von „Lemon Song“ über „Trampled Under Foot“ bis „Dazed and Confused“ dafür so gut her wie Plants „Little Maggie“ oder Willie Dixons „Spoonful“.

Plants Stimme, wie seine Mähne stilbildend für Generationen von Hardrock-Röhren, hält alles zusammen. Die orgasmischen Schreie bleiben altersangemessen in Grenzen, die allzu hohen Höhen meist im Schoner, aber die Präsenz dieses Organs zwischen Schluchzen und Kreischen, zwischen Koloratur und Shout, die ist noch voll da.

Der Sänger aus Staffordshire erinnert in einer Ansage an den deutschen Promoter Fritz Rau, der schwarze Bluesgrößen nach Europa holte und damit den Boden für Bands wie Led Zeppelin bereitete. Was Plant als Hommage an den Blues ankündigt, Bukka Whites „Fixin’ To Die“ von 1940, klingt allerdings so gar nicht nach Chicago oder Mississippi. Sondern nach Plant.

Plant verkloppt keine Nostalgie, auch wenn sich Led-Zeppelin-Shirts über viele der 4000 Bäuche vor ihm spannen. Er macht nicht auf Retro, er macht nicht auf Folk, er macht nicht auf Trance. Er macht einfach. Womit auch klar sein dürfte, warum es keine Reunion mit Jimmy Page und John Paul Jones geben wird: Das bleierne Luftschiff fliegt längst nicht hoch genug für seinen Sänger.

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