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Large Ensemble „Semi Song“: Hier geht nichts und niemand unter

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Pläne für Spontaneität: Jürgen Friedrichs erstaunliches Large Ensemble mit „Semi Song“

Auch wer akzeptiert, dass im Jazz nicht allein Solo und Improvisation zählen, wird zugeben, dass „Jazzkomposition“ ein bisschen nach einem widersprüchlichen, zumindest polymorphen Arbeitsfeld klingt. Man sollte allerdings nicht vorschnell einen Gegensatz zwischen den beiden Komponenten des Wortes postulieren, zumal sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe sehr praktikabler und gut dokumentierter (und darum lernbarer) Kompositionsstrategien und Notationsweisen herausgebildet haben, die das Geplante und das Spontane in eine sinnreiche Beziehung zueinander setzen.

Jürgen Friedrich lehrt in Mannheim Arrangement und Jazz-Komposition, sollte da also einen Überblick haben. Und nicht nur theoretisch: Mit einem „Large Ensemble“ genannten Jazz-Orchester hat er das Album „Semi Song“ publiziert. Der Jazz dort klingt komponiert und orchestral und nicht im geringsten nach Bigband und homogener Satzarbeit, sondern polyphon, klanglich enorm beweglich und intensiv.

Das hat nichts mit einem Kompromiss zwischen Planung und Spontaneität zu tun, es handelt sich stattdessen um die planvolle Integration und Verzahnung beider Momente. Jürgen Friedrich verzichtet darauf, sich an der Aufnahme als Pianist zu beteiligen und hat sich ganz auf das Komponieren beschränkt. Den Klavierpart in seinem Large Ensemble hat Pablo Held übernommen, der als einer der bedeutendsten Jazz-Pianisten im Lande gelten muss. Und so sieht die ganze Besetzungsliste des Large Ensemble aus: Es ist geradezu eine Traumbesetzung von brillanten Musikerinnen und Musikern, die im gegenwärtigen europäischen Jazz der U-45-Generation prägend sind. Dass die meisten unter ihnen (wie auch Friedrich selbst) etliche ihrer Wurzeln in der Kölner Szene haben, kann nicht nur Zufall sein.

Das ALbum:

Jürgen Friedrich Large Ensemble: Semi Song. nWog Records/ Edel Kontor New Media.

Friedrich geht mit den musikalischen Möglichkeiten, die sich hier ergeben, souverän um. Nichts und niemand geht unter, nichts und niemand wird im Ensembleklang verborgen. Es herrscht eine betörende, klangsinnliche Farbigkeit und tiefgreifende Komplexität.

Der ganz eigene Gang

Jede einzelne von Friedrichs Kompositionen erzählt eine ganz eigene Geschichte und geht ihren eigenen Gang. Die Länge der Stücke – es sind immerhin vier darunter mit über zehnminütiger Länge, was für Jazz-Verhältnisse jenseits des Normalfalles liegt – entspricht ihrer jeweiligen dramaturgischen Gestalt. Es gibt keine selbstverständlichen Formverläufe, sondern unvorhersehbare Ensemble-Bewegungen, engmaschige Begegnungen zwischen Ensemble-Klängen und Solo-Passagen, Schichtungen, Parallelverläufe, betörende Wohlklang-Momente, elastische Tempi, nuancierte Dynamik.

Jede und jeder im Ensemble bekommt und erfüllt eigene Spiel-Räume, so dass der orchestrale Gesamtklang seine maximale Präsenz aus den Summen und Produkten all der akkumulierten individuellen Bandleader-Klasse gewinnt.

Niemand wird zur bloßen Klang-Funktion innerhalb des Kollektivs, und niemand muss sich aus der Reserve locken lassen. Jede und jeder Einzelne genießt das volle Vertrauen des Komponisten und darf sich fühlen und inszenieren, als stünde sie/er mit dem eigenen Quartett auf der Bühne. Daraus entsteht musikalischer und spielerischer Reichtum, der seinesgleichen sucht und in Punkto Vielschichtigkeit und Innovation Maßstäbe setzt.

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