Jazz

Ein langer, ruhiger Fluss

Abdullah Ibrahim mit seinem Trio in Frankfurt. Von Tim Gorbauch

Von Tim Gorbauch

Am Ende verschwindet er ganz, am dunklen Rand der Bühne, abseits des Lichtkegels. In der Mitte stehen seine beiden Sidemen und nehmen den Applaus entgegen. Er selbst hat sich einfach nur vom Klavier erhoben und ist zwei Schritte zurückgetreten. Das ist nicht unhöflich gemeint und auch nicht kokett. Es ist nur, dass alles Äußere nach mehr als 75 Lebensjahren und Tausenden von Konzerten keine Bedeutung mehr hat. Genauso wie jedes Wort, jede Ansage überflüssig ist. Jeder weiß, wer er ist, Abdullah Ibrahim, der sich früher Dollar Brand nannte, eine der großen Gestalten des internationalen Jazz.

Und wen kümmert´s schon, wie die einzelnen Stücke heißen, die an diesem Abend im Frankfurter Mousonturm ineinander übergehen, eins ins andere, wie ein langer, ruhiger Fluss. Mithin bekommt man ohnehin das Gefühl, alles sei eine Variation einer einzigen Idee. Und Abdullah Ibrahim kommt ihr immer dann am nächsten, wenn er am wenigsten macht. Wenn er sich auf eine schlichte Melodie verlässt, auf ganz wenige Töne, die er warm und selbstsicher spielt, mit der Weisheit des Alters, könnte man sagen, wäre es nicht so ein abgedroschenes Klischee.

Schon immer hat man Abdullah Ibrahim nachgesagt, er würde eine ganz eigene, weltumspannende Musik machen, die in seiner südafrikanischen Heimat verwurzelt sei, im Jazz, im klassisch geschulten Tonsatz und in vielen anderem. Längst ist er einen Schritt weiter. In seinen besten Momenten, von denen es an diesem Abend einige gibt, lösen sich alle Genre-Gegensätze auf. Nichts ist mehr Klassik, Jazz, Südafrika oder Weltmusik, alles ist Abdullah Ibrahim. Ein gelassener, in sich ruhender, völlig unspektakulärer, technisch vielleicht sogar schon etwas limitierter Ton. Ähnlich wie bei Nelson Mandela haben alle biografischen Wunden nicht zu Wut oder Aufruhr geführt, sondern zur Versöhnung. In Südafrika, das ihn in den 60er Jahren ins Exil trieb, ist das eine eminent politische Haltung.

Oft hört er auch ganz auf zu spielen. Sitzt am Klavier, die Hände in seinen Schoß gelegt und hört seinen Sidemen zu. Belden Bullock am Bass hat dabei am meisten von ihm gelernt, kein Ton ist zu viel, die Figuren sind einfach und klar, virtuosen Schmuck sucht man vergebens. George Grey wirkt dagegen am Schlagzeug fast schon verspielt, hier ein Strich auf den Becken, da ein kleiner Schlenker. Aber auch er kann einfach gar nichts machen. Seine Hände in den Schoß legen. Und den anderen zuhören.

Tour: 21. Nov. Köln, Philharmonie, 22. No. Düsseldorf, Tonhalle.

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