Die doppete Senta

Landschafts- und Sittengemälde

Philipp Stölzl inszeniert in Basel Wagners "Fliegenden Holländer" mit präzisen Brechungen und Spiegelungen.

Von GEORG RUDIGER

In Basel geht es beim "Fliegenden Holländer" vor allem um Senta. Sie betritt schon während der Ouvertüre die Bühne, wenn die exquisiten Holzbläser des Basler Sinfonieorchesters ihr Erlösungsmotiv spielen. Zart ist diese Senta (Gaby Haas) und klein, fast noch ein Kind in weißer Rüschenunterwäsche, mit blonden Engelslocken und unschuldigem Blick. In der dunklen, fensterlosen, mit schweren Ledersesseln und Kronleuchtern ausgestatteten Bibliothek wirkt das ätherische Wesen wie ein Fremdkörper. Als der Hornruf des Holländermotivs ertönt, schlägt Senta das große Buch auf. Und träumt sich in eine andere Welt, wo es Freiheit und Leidenschaften gibt.

Regisseur Philipp Stölzl, der gemeinsam mit Conrad Reinhardt die aufwändige Kulisse entworfen hat, findet neben der Bibliothek noch ein weiteres kluges Bild, das gleichermaßen Enge und Weite, das Innen und Außen in Wagners romantischer Oper darstellt. Ein riesiges Gemälde, das eine aufgewühlte Meerlandschaft zeigt, hängt im goldenen Rahmen an der Wand. Zum Aktbeginn wird blitzschnell die Leinwand hochgezogen - dahinter ist das gleiche Panorama nachgebaut. Das Bild wird zur Bühne, wenn Dalands Schiff am Felsen anlegt und die strahlkräftig singenden Seemänner des Theaterchors (Leitung: Henryk Polus) das Geschehen einnehmen.

Trotz der aufwändigen Kostüme von Ursula Kurdna, die die Matrosen beim Fest im dritten Akt in Fräcke und Zylinder kleidet und den Spinnerinnenchor im zweiten Akt mit Hochsteckfrisuren und hochgeschlossenen Kleidern zu einer züchtigen Putztruppe im Gouvernantenlook macht, bietet Stölzls Inszenierung viel mehr als ein gut recherchiertes Sittengemälde des 19. Jahrhunderts. Durch die vielen, handwerklich perfekt umgesetzten Brechungen und Spiegelungen der Bühne - am Ende des zweiten Akt ist hinter dem Bilderrahmen exakt die gleiche Bibliothek nachgebaut - tappt der Regisseur auch nicht in die Ausstattungsfalle, sondern kann auf immer neue Weise die Beziehungen ausloten.

Bei der Spinnerinnenszene wird die Figur der Senta verdeckt unter dem Tisch ausgetauscht. Statt eines filigranen Mädchens steht nun die eher walkürenhafte finnische Sopranistin Kirsi Tiihonen auf der Bühne, die die Partie ungeheuer dramatisch angeht. Ihr Fortissimo ist eine Wucht, in den lyrischeren Passagen wünschte man dagegen ihrem dramatischen Sopran etwas mehr Flexibilität. Die junge Senta kehrt aber immer wieder ins Geschehen zurück, so dass die auf diese Figur ausgerichtete Erzählperspektive ebenfalls aufgebrochen wird.

Im Orchester bleibt dieser "Fliegende Holländer" lange Zeit recht eindimensional. Friedemann Layer betont mit dem Sinfonieorchester Basel alles Eruptive. Der Streicherklang ist gehärtet, das Blech schneidet. Bei der Präzision der Regie kann die musikalische Interpretation dennoch nicht mithalten. Zu häufig zerfällt ein Tuttistoß in seine Einzelteile, zu unbeständig sind die Hörner, zu wackelig manche Übergänge.

Die Solisten dagegen sind von Beginn an präsent, allen voran der dunkelhäutige Alfred Walker als Holländer. In schwarzer Lederkluft und mit stählernen Armprothesen hat er genau die dämonische Aura, nach der sich Senta sehnt. Sein so beweglicher wie durchschlagender Bassbariton liegt noch im größten Sturm über dem Orchester. Liang Li verleiht Daland Fundament und Witz, Thomas Piffka klangschöner, manches Mal etwas unkontrollierter Tenor macht aus Erik einen spießigen Verlobten mit Mittelscheitel und Ärmelschoner.

Nur am Ende verflacht Stölzls Inszenierung etwas, wenn seine halloweenmäßig gestylte Holländermannschaft im Zeitlupentempo die Festgemeinde ersticht oder sich Senta mit einer abgebrochenen Flasche die Halsschlagader durchschneidet. Großer Jubel im Theater Basel, besonders auch für die Regie von Philipp Stölzl, der sich vom poppigen Videokünstler und professionellen Filmemacher ("Nordwand") schon jetzt zu einem beachtlichen Opernregisseur entwickelt hat.

Oper Basel: 23., 25., 28., 31. Januar, 2., 7., 22., 24., 27. Februar. www.theater-basel.ch

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