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Säuselnd, aber selbstbewusst: Lana Del Rey.

Lana Del Rey

Lana Del Rey: Keine Kerze im Wind ...

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Neuerdings mit Hoffnung: „Norman Fucking Rockwell“, das neue Album von Lana Del Rey.

God damn, man-child!“ – das sind so starke wie derbe erste Worte. Dann geht es weiter: „You fucked me so good that I almost said I love you“. Man-child, der ausgewachsene Mann, der die wenig einnehmenden Züge eines Kindes an sich hat – gleich mit den ersten Zeilen von „Norman Fucking Rockwell!“, ihrem sechsten Album, stellt Lana Del Rey eine der schillernden Uneindeutigkeiten in den Raum, die ihr gesamtinszenatorisches Werk seit dem offiziellen Debüt (nach einem Frühwerk) „Born To Die“ von 2012 so reizvoll machen. Ist das nun im Sinne des neuen Popfeminismus zu lesen? Mit dem Feminismus allerdings hatte es die 34-Jährige bisher nicht gehabt und ihn in einem Interview gar als „not an interesting concept“ abgetan. 2012 hatte sie Harvey Weinstein die Zeilen gewidmet: „Harvey’s in the sky with diamonds, and it’s making me crazy. All he wants to do is party with his pretty baby“. Hoppla. Den Song, „Cola“, hat sie nach MeToo aus ihrem Liverepertoire gestrichen.

„I ain’t no candle in the wind“ singt Lana Del Rey mit ihrer charakteristisch säuselnden, einen melancholischen Zug mit einem selbstbewussten Kern übereinbringenden Stimme in „Mariners Apartment Complex“. Mit dem heute scheinbar nicht mehr zeitgemäßen, sehr wohl aber noch immer in vielen Fällen fatal wirklichkeitsnahen Bild von der Frau, die dem falschen Typen schicksalhaft leidenschaftlich verfallen ist, hat Del Rey immer wieder gespielt, mit einer allerfeinst dosierten Ironie, die sich auch durch dieses Album wie ein roter Faden zieht.

Es sind die vor allem von Hollywood geprägten amerikanischen Popularmythen, mit denen Lana Del Rey so kunstfertig wie kaum eine andere jongliert. Del Rey ist eine brillante Songwriterin, eine Großkünstlerin der Oberflächen, die ja das eigentliche Wesen des Pops ausmachen. Die Coolness einer Nancy Sinatra hat sie ins Zeitalter des HipHops übertragen, der eine Unterströmung ihrer Musik darstellt. In „Venice Bitch“ singt sie von einer dem Anschein nach perfekten, Norman-Rockwell-haften Ehe. „Paint me happy and blue / Norman Rockwell“, heißt es in dem zehnminütigen (!) Song. Der 1978 verstorbene, hierzulande wenig bekannte Zeichner Norman Rockwell hat das Idealbild vom amerikanischen Traum auf die Spitze getrieben – und Del Rey tut das auch.

Das Album ist gespickt mit pophistorischen Anspielungen. ,,Bartender“ beginnt mit einem Zitat der ,,Ladies of the Canyon“ von Joni Mitchell und landet über Crosby, Stills & Nash flugs bei Cindy Laupers Girls, die Fun haben wollen. Fast durchweg stammt die Musik von dem gefragten Produzenten Jack Antonoff; meist ist das Klavier zentral, einige Nummern hat Antonoff mit Synthiestreichern arrangiert. Das auf die kalifornische Skapunkband Sublime zurückgehende ,,Doin’ Time“ wirkt, als hätte Del Rey es selbst geschrieben.

Verblüffend: Lana Del Rey, zu deren grundlegenden Motiven in der Vergangenheit das Taumeln am Abgrund und die Todessehnsucht gehörten, hat ans Ende dieses grandiosen Wurfs die Hoffnung gesetzt. Mit einem doppelten Boden allerdings. In ,,Hope is a Dangerous Thing“ bezieht sie sich auf die Schriftstellerin Sylvia Plath, die als Leitfigur einer feministisch motivierten Literatur gilt, weil sie nicht allein vom Leid, sondern auch von Sinnesfreuden kündete. Bei Del Rey heißt es: „Hope is a dangerous thing for a woman like me to have – but I have it“.

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